Das Münchner Frauenobdach Karla 51 - eine Notaufnahmestelle der Kulturen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Das Münchner Frauenobdach Karla 51 - eine Notaufnahmestelle der Kulturen

Migrantinnen sind überdurchschnittlich häufig von Obdachlosigkeit betroffen (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Katja Hees

Migrantinnen sind von Obdachlosigkeit überdurchschnittlich häufig betroffen. Das zeigen unter anderem die Zahlen der Münchner Notunterkunft Karla 51, in der obdachlose Frauen vorübergehend Aufnahme finden. "Mehr als 30 Prozent der Frauen, die hier unterkommen, sind Migrantinnen", erklärt Andrea Unger, Sozialpädagogin des Frauenobdachs. Der Anteil aller ausländischen Mitbürger und -bürgerinnen in München hingegen liegt nur bei etwa 23 Prozent.

Das Frauenobdach Karla 51, eine Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks, eröffnete im Dezember 1996 in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Seither haben die Sozialpädagoginnen der Einrichtung mehreren Tausend Frauen und deren Kindern durch Beratung, Aufnahme oder Weitervermittlung in andere Einrichtungen geholfen. Allein im vergangenen Jahr kamen 844 Frauen zu Karla 51. Über 300 dieser Frauen wurden vorübergehend in den 40 Einzelzimmern der Karlstraße 51 untergebracht.

In den Beratungsgesprächen stellten die Sozialpädagoginnen fest: Mehr als ein Viertel der Frauen kamen im vergangenen Jahr zu Karla 51, nachdem sie vor einem Gewalttäter aus ihrem eigenen Zuhause geflohen waren. Gewalt, so Andrea Unger, sei der häufigste Grund, warum Frauen ihre Wohnung verlieren. Weitere Gründe für die Obdachlosigkeit sind psychische Probleme, Armut, Räumungsklagen, Sucht, ein ungesicherter Aufenthalt in Deutschland oder Probleme mit den Eltern.

Migrantinnen, sagt Unger, seien von vielen dieser Risiken besonders stark betroffen: Vor allem von ökonomischer Abhängigkeit, Armut, häuslicher Gewalt und unzureichender beruflicher Ausbildung oder Praxis. So auch Mehyrem, die seit etwa einem Monat im Obdach Karla 51 wohnt. Diesen August wird sie 20 Jahre alt, eine junge Frau mit schönen dunklen Augen und einer leisen, bisweilen zittrigen Stimme. Sie erzählt ihre Geschichte: Aufgewachsen in München. Die Eltern - der Vater Türke, die Mutter deutsch - leben seit längerer Zeit getrennt. Der Vater zieht zurück nach Istanbul, die Mutter geht zusammen mit einem neuen Partner, einem Deutschen, nach Heilbronn und nimmt Mehyrem mit.

In der neuen Wohnung beschimpft der neue Mann Mehyrem als Ausländerin, Schlampe, Hure, und bedroht sie. Auch die Mutter äußert sich zunehmend ausländerfeindlich. Als Mehyrem von ihrem damaligen Freund schwanger wird, nehmen die Beschimpfungen und Drohungen zu Hause zu. Mehyrems Baby stirbt drei Stunden nach der Geburt. Mehyrem hält es zu Hause nicht mehr aus, zieht zu einer Freundin nach München. Die Freundin sucht telefonisch Rat bei der Bahnhofsmission, erhält die Adresse von Karla 51 und rät Mehyrem, sich dort zu melden.

Die größte Gruppe der Migrantinnen, die wie Mehyrem vorübergehend im Karla 51 wohnen, stammt aus der Türkei, Italien, Griechenland, Serbien, Kroatien und Bosnien. Viele dieser Frauen arbeiten seit Jahrzehnten in Deutschland oder sind hier aufgewachsen. Sie sprechen meist fließend Deutsch und orientieren sich an der "deutschen Lebensweise". Regelmäßig beherbergt Karla 51 aber auch ältere Frauen, Italienerinnen oder Griechinnen, die eine Altersrente beziehen - selten über 400 Euro. Diese Rentnerinnen sprechen schlecht oder kaum Deutsch, leben eher vereinsamt und brauchen vielfach ärztliche Behandlung auf Grund eines desolaten Allgemeinzustands, so Andrea Unger.

Frauen aus Afrika, Südostasien, Mittel- und Südamerika, die im Obdach Hilfe suchen, kommen häufig als Ehefrau eines Deutschen oder eines Mannes mit relativ sicherem Aufenthaltsrecht nach Deutschland, so Andrea Unger. Das Aufenthaltsrecht dieser Frauen besteht nur, wenn sie in einer Haushaltsgemeinschaft mit dem Partner leben. "Häufig beobachten wir, dass die gewalttätigen Ehemänner noch am gleichen Tag, an dem sie die Frau prügelten oder aus der Wohnung wiesen, dem Ausländeramt mitteilen, dass die häusliche Gemeinschaft nicht mehr besteht", so Andrea Unger. Auch Opfer von organisiertem Menschenhandel und Zwangsprostitution wohnen zeitweise im Obdach Karla 51. Betroffen seien hier besonders Frauen aus Osteuropa, Asien, Mittel- und Südamerika, so Unger.

Wie lange Mehyrem noch in der Karlstraße 51 wohnen wird, ist unklar. Das Frauenobdach hat sich gegenüber der Stadt München vertraglich verpflichtet, alle Bewohnerinnen innerhalb von acht Wochen in langfristige Wohnplätze weiter zu vermitteln. Im vergangenen Jahr gelang dies bei drei Viertel aller aufgenommenen Frauen, die Übrigen blieben länger: "Hier in München ist es für uns zunehmend schwierig, preisgünstige Wohnungen zu finden", sagt Andrea Unger. Mehyrems Sozialpädagogin sucht derzeit nach einem Wohnplatz für ihre Klientin. Noch ist Mehyrem arbeitslos. Aber nach einem Praktikum wünscht sie sich jetzt, einen Ausbildungsplatz in der Altenpflege zu bekommen, um in Zukunft auf eigenen Füßen zu stehen.

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(Artikel vom 01.09.2005)