Ein Austausch der Extreme

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Ein Austausch der Extreme

In Seeshaupt leben tansanische und deutsche Jugendliche unter einem Dach (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Katja Hees

Einen "Austausch der Extreme" gibt es in diesem Sommer in Seeshaupt am Starnberger See: Bis zum 21. August leben acht tansanische Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren mit neun deutschen Jugendlichen. Die Tansanier gehören dem Hirten- und Kriegervolk der Massai und dem Volk der Pare an. Der dreieinhalbwöchige Aufenthalt im Haus der evangelischen Jugend ist der zweite Teil eines Austauschs zwischen dem Evangelisch-Lutherischen Dekanat Weilheim und seiner Partnerdiözese, die sich über die tansanischen Pareberge und die Steppe nahe des Kilimanjaro erstreckt.

"Dieser Austausch war von Anfang an ein gewagtes Experiment", sagt Pfarrer Robert Maier. Er leitet das Projekt gemeinsam mit seinem tansanischen Kollegen Zaburi Kisimbo. Mehr als ein Jahr intensiver Vorbereitung und geistiger Auseinandersetzung sei für den Austausch nötig gewesen, berichtet Maier. Denn nicht nur die Lebensbedingungen der Deutschen und Tansanier unterscheiden sich beträchtlich: Die beiden Volksgruppen Pare und Massai stehen sich in ihrem Heimatland auf Grund von territorialen Auseinandersetzungen und der staatlichen Bevorzugung der Pare bis heute "nicht gerade freundlich" gegenüber, wie Maier es ausdrückt. Der Großteil der Massai lebt als halbnomadisches Hirten- und Kriegervolk in Lehmhütten, die Pare hingegen in festen Dörfern. Sie haben ihre eigene Sprache - Kipare und KiMassai - können sich aber über die Amtssprache Kisuaheli miteinander verständigen. Aus der tri-ethnischen Herausforderung resultiert wohl das Motto der Jugendbegegnung: "Kuwa pamoja katika hali ya tofauti nyingi tulizo nazo - Miteinander aus der Vielfalt leben."

Beim gemeinsamen Singen anlässlich eines Tags der offenen Tür in Seeshaupt stehen die Jugendlichen anfangs stramm, scheu und wie aufgestellt fürs Gruppenfoto. Dann aber geht die Freude an der Musik mit den Tansaniern durch: Sie klatschen im Takt, Benina, die Forsche in der blauen Tracht der Massai-Frauen, schert aus der Gruppe aus, lacht, tanzt, reißt alle anderen - Tansanier und Deutsche - mit. Seit etwas mehr als einer Woche sind die Tansanier nun in Seeshaupt. Immer wieder sieht man Jugendliche umarmt im Garten sitzen, sie tuscheln und lachen. Sie sind sich vertraut, dank des Besuchs der Deutschen in Tansania vor zwei Jahren.

Während der dreieinhalb Wochen in Bayern verfolgt die deutsch-tansanische Jugendgruppe ein straffes Besichtigungs- und Kulturprogramm: Zwei bayerische Bauernhöfe - die Melk- und Erntemaschinen waren eine Attraktion für die Gäste aus Tansania - der Weilheimer Zuchtviehmarkt, der Bürgermeister. Die Gruppe bekam Führungen durch das Peißenberger Krankenhaus, die Wetterstation und das Freilichtmuseum auf der Glentleiten. Ein Besuch der "Weilheimer Tafel" verdeutlichte das Thema "Gesichter der Armut in Deutschland und der Welt". Noch auf dem Plan stehen eine Hüttentour in den Alpen und Ausflüge in die Altstadt Nürnbergs, auf das Reichsparteitagsgelände und ins BMW-Werk nach München. Außerdem ein dreitägiger Arbeitseinsatz im Wald.

"Hier gibt es viel mehr Bäume als bei uns und auch die Kühe sind anders: Fetter, schwerer und sie geben viel mehr Milch", schildert Johanna seine stärksten Eindrücke. Er ist 24, trägt die rote Tracht der männlichen Massai, und spricht etwas Englisch. "Wir können von denen viel lernen", sagt Andi, 20, im Rückblick auf seinen Tansania-Aufenthalt vor zwei Jahren. Er wolle als Zivi nach Tansania zurückkehren, so gut habe es ihm dort gefallen. "Die Afrikaner singen viel, sie haben keinen Walkman, sie singen selbst. Dort ist alles viel natürlicher", sagt er, "ich vermisse das hier".

Die Partnerschaft zwischen dem Dekanat Weilheim und der Evangelisch-Lutherischen Pare-Diözese, die den Jugendaustausch erst möglich gemacht hat, besteht seit über 25 Jahren. Sie entstand als Folge der evangelischen Missionierung vor über 100 Jahren in Ostafrika, wie Robert Maier erklärt: "Heute wollen wir nicht mehr missionieren, sondern unter den Vorzeichen der globalen Welt einen gegenseitigen Austausch versuchen."

Das Bundesministerium für Familie und Jugend unterstützt das Projekt mit rund 8.000 Euro aus dem Bundesjugendplan. Bis zu 7.500 Euro bezahlt die evangelisch-lutherische Landeskirche aus Geldern des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Den Rest der Gesamtkosten von rund 27.000 Euro finanziert das Dekanat Weilheim durch Rücklagen, Spenden und durch die Gebühren der deutschen Teilnehmer.

Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b051180 und b051183.

(Artikel vom 16.08.2005)