Kleine Stadt von großer Geißel befreit
Kleine Stadt von großer Geißel befreit
Statt brauner Wallfahrer ein großes Fest der Demokratie in Wunsiedel (Korrespondentenbericht)
Von Bernd Mayer
Großes Aufatmen im oberfränkischen Wunsiedel: Das Fichtelgebirgsstädtchen ist von einer großen politischen Geißel befreit - zumindest für dieses Jahr. Anders als in den zurückliegenden Jahren haben rechtsradikale "Wallfahrer" am Samstag keine Chance, ihrer Kultfigur Rudolf Heß als "Stellvertreter des Führers" mit einem Gedenkmarsch zum Geburtstag zu huldigen. Nachdem das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am Mittwoch das Verbot des Wunsiedler Landratsamtes bestätigt hat, konzentrieren sich die Bewohner nun auf den friedlichen "Tag der Demokratie" am Samstag (20. August) mit viel Politprominenz.
Das bürgerschaftliche Engagement zur Abwehr des Neonazi-Aufmarsches war nach Beobachtung der Diakonin Andrea Heußner, Schlüsselfigur der Wunsiedler Widerstandsszene, geradezu beispielhaft. "Wir haben Bauklötze gestaunt, wie eine ganze Stadt bei unserem Kampf mitgezogen hat", sagte sie am Donnerstag gegenüber epd. Kurz zuvor hatte sie erfahren, dass bei den braunen Marschierern die Parole ausgegeben wurde, Wunsiedel an diesem Tag zu meiden. Bei aller Freude über den juristischen Sieg - "das Problem ist damit noch nicht aus der Welt", sagt Heußner. Die endgültige Entscheidung falle erst im noch nicht terminierten Hauptsacheverfahren.
Den diesjährige Teilerfolg verdankt Wunsiedel nach Einschätzung Heußners der Anhörung im Bundestags-Innenausschuss am 19. Januar, bei der Wunsiedels Delegation mit Bürgermeister Karl-Willi Beck, Landrat Peter Seißer und Andrea Heußner an der Spitze, die bedrohliche Situation für ihre Stadt plastisch und drastisch vor Augen führte. Per Powerpoint zeigte das Wunsiedler Luisenburg-Gymnasium den sichtlich beeindruckten Parlamentariern auf, wie erbittert sich die Stadt gegen die braunen Exzesse zur Wehr setzt. Von der Polizei wurde die europäische Dimension des Wunsiedler Nazi-Spektakels heraus gestellt. 2004 waren 4.500 Rechtsextremisten im Marschschritt durch das ansonsten so friedliche Städtchen gestürmt.
Auslöser der braunen Kultveranstaltung ist seit Ende der 80er Jahre das Heß-Grab. Zwar hatte Hitlers Stellvertreter zu Lebzeiten nur wenig mit Wunsiedel zu tun, doch nach seinem Tod einigte sich die Familie in einer Art Verlegenheitslösung darauf, Heß im Wunsiedler Elterngrab zu bestatten. Der Grabstein trägt als Inschrift ein Wort Ulrich von Huttens: "Ich hab's gewagt." Nachdem 1990 eine Demo der Heß-Verehrer in Gewalt eskaliert war, hatte die Stadt ein Jahrzehnt ihre Ruhe, bis der Spuk aufs Neue und umso heftiger begann. Der Zugang zum Friedhof und zum Heß-Grab wird von der evangelischen Kirchengemeinde Wunsiedel in den kritischen August-Tagen gesperrt.
Zu den Politikern, die sich am "Tag der Demokratie" mit Wunsiedel solidarisch zeigen, gehören Manfred Stolpe und Ludwig Stiegler von der SPD, Markus Söder und Werner Schnappauf von der CSU und Claudia Roth von Den Grünen. Hauptredner wird Joachim Gauck sein. Oberfrankens evangelischer Regionalbischof Wilfried Beyhl wird in einem Ökumenischen Gottesdienst um 13 Uhr auf dem Marktplatz die Predigt halten.


