Isolation, Demütigung und kompromisslose Religiosität
Isolation, Demütigung und kompromisslose Religiosität
Islamforscher in Augsburg: Der Koran allein kann Terrorismus nicht erklären (Korrespondentenbericht)
Von Bernd Kirchschlager
"Isolation, Demütigung und kompromisslose Religiosität: Das ist die Mischung, aus der islamistischer Terrorismus entsteht." Mit dieser aus Gesprächen mit arabischen Studenten in Deutschland gewonnenen Erkenntnis gab der Erfurter Islamforscher Hamed Abdel-Samad eine klare Antwort auf die Frage, mit der die Podiumsdiskussion in der Augsburger Kälberhalle überschrieben war: "Lässt sich der islamistische Terrorismus mit dem Koran erklären?" Die Veranstaltung war Teil einer viertägigen internationalen Tagung von 30 Wissenschaftlern zum Thema "Die Ambivalenz des Religiösen. Religionen als Friedensstifter und Gewalterzeuger".
Laut Abdel-Samad wurde nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 im Westen über falsche Themen diskutiert: "Man hat über Ehrenmorde und Deutschkenntnisse türkischer Kinder gesprochen, nicht aber über arabische Studenten." Der Islamwissenschaftler, der in Augsburg studiert hat, nannte drei Faktoren für die Radikalisierung junger Moslems: Die Tendenz, sich als Außenseiter zu fühlen, die doppelte Entfremdung in ihrer Heimat und in Deutschland sowie der Kulturschock: "Im Westen vermissen die Araber etwas Absolutes, das sie anerkennen können. Der deutsche Konjunktiv ist für sie verwirrend."
Abdel-Samad sprach sich gegen die Schläfer-Theorie aus, nach der potenzielle Attentäter als menschliche Bomben nach Deutschland kommen und dort auf ihren Einsatzbefehl warten: "Die jungen Leute werden langsam radikalisiert und irgendwann geraten sie in die falschen Hände." Eine Maßnahme gegen eine solche Entwicklung sei die Einbindung in muslimische Gemeinden: "Wer den Koran gut kennt, ist immuner gegen solche Leute wie Mohammed Atta."
Diese Meinung vertrat auch der Ethnologe Werner Schiffauer (Frankfurt/Oder). Seiner Ansicht nach gibt es im Islam besorgniserregende und hoffnungsvolle Tendenzen. "Welche sich durchsetzt, kommt auf das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft an." Falsch seien rigide Verbote wie z. B. bei der Kaplan-Gemeinde. Außerdem müsste Muslimen die Möglichkeit von Partizipation gegeben werden: "Die Beckstein-Politik der Ausgrenzung verschärft das Problem." Daher riet Schiffauer zu Gelassenheit und einer "klugen Politik der Differenz". Man müsse den Moslems die Möglichkeit geben, hier ihre Religion auszuüben.
Ähnlich argumentierte auch die Bremer Religionswissenschaftlerin Gritt Klinkhammer, die sich mit der Gender-Problematik beschäftigte. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Kopftuch-Streit schädige errungene Fortschritte. In ihrer Arbeit mit muslimischen Studentinnen habe sie festgestellt, dass das Kopftuch nur für wenige ein politisches Symbol sei. Für viele sichere es den "Respekt halbgläubiger muslimischer Männer". Kopftuchtragende Muslimas könnten entgegen landläufiger Vorurteile durchaus emanzipierte Frauen sein: "Sie organisieren sich in - von Männern nicht gern gesehenen - Schwesterngruppen an den Moscheen und pochen auf ihre Gleichberechtigung." So legten nicht wenige Muslimas potenziellen Heiratskandidaten Listen mit Rechten vor, die sie als Ehefrau nicht aufgeben wollten. Dazu gehörten zum Beispiel die Berufstätigkeit, keine Verpflichtung zum Kochen und Alkoholverbot auch für den Ehemann.
Die Wiederentdeckung des Religiösen ist nach Meinung des evangelischen Theologen Bernd Oberdorfer (Augsburg) aber nicht auf den Islam begrenzt. Auch im Christentum sei eine Resakralisierung zu erkennen, so beispielsweise beim Weltjugendtag in Köln. Selbst im säkularisierten Europa könne man sich wieder als gläubiger Christ zu erkennen geben, "ohne gleich mit mildem Unverständnis oder schroffer Ablehnung rechnen zu müssen". Die Sorge, religiös motivierte Bewegungen würden die Errungenschaften der wertepluralen Gesellschaft gefährden, sei aber unbegründet. Die Geschichte habe gezeigt, dass die christlichen Kirchen mit den Herausforderungen der säkularen Moderne produktiv umgehen könnten. Diese Modernisierungsfähigkeit dürfe man auch dem Islam nicht absprechen: "Derartige Urteile könnten sich als höchst zeitbedingt erweisen."
Auf Parallelen zwischen den beiden großen monotheistischen Religionen Christentum und Islam wies die Neuinszenierung von Stradellas Barock-Oratorium "San Giovanni Battista" durch Thomas Höft (Augsburg) hin, die den Schlusspunkt der Veranstaltungsreihe in Augsburg setzte. Johannes der Täufer, der die Unmoral am Hof von König Herodes anprangert und deshalb sterben muss, wird hier als fundamentalistischer Moslem dargestellt; der Berater des Königs ist ein amerikanischer Soldat. Der muslimische Johannes zeigt am Ende auch angesichts des nahen Todes Glaubensfestigkeit. Umgeben von gefolterten Häftlingen mit Kapuze, die an Fernsehbilder aus amerikanischen Gefängnissen im Irak erinnern, erklärt er: "Ich tausche niemals euer Glück gegen mein eigenes Leid."


