Der Gipfel: Ein Kreuz

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Gipfel: Ein Kreuz

Wie ein Wanderverein ein neues Gipfelkreuz auf den Rauhkopf bringt

Von Susanne Petersen

Im Winter muss es passiert sein. Das Gipfelkreuz auf dem 1693 Meter hohen Rauhkopf im oberbayerischen Spitzinggebiet knickte um. Der Holzstamm, direkt ins Erdreich eingelassen, war über die Jahre morsch und faul geworden. Der Frühling kam und mit ihm die Bergsteiger. "Die haben sich beschwert, warum's am Gipfel so ausschaut", erinnert sich Wolfgang Schwärzer. Der 39-Jährige ist seit einem Jahr Vorstand des "Wanderbunds Heimatland München".

Der kleine Verein existiert seit 1919. Der Rauhkopf im Spitzing ist für die rund 50 Aktiven so etwas wie ihr "Hausberg". Die Vereinsgründer hatten dort am 3. November 1935 ein Gipfelkreuz aufgestellt, mit der Inschrift "Unsern Toten zur Ehr, uns zum Gedenken". 1961 wurde das Kreuz durch einen Blitzschlag zerstört. Die Wanderfreunde stellten ein neues auf, diesmal mit Blitzableiter. 44 Jahre hatte es als Orientierungszeichen im Gelände, als Rückenlehne bei der Brotzeit und als Ansporn für ermattete Bergsteiger gedient, bevor es abgebrochen war. Nun musste wieder ein neues Kreuz her.

Aber wer ist eigentlich offiziell für die Errichtung von Gipfelkreuzen zuständig? "Keiner hat's erlaubt, keiner hat's verboten", sagt Wolfgang Schwärzer diplomatisch, "wir wissen nicht einmal, wem der Berg gehört." Also übernahm aus alter Tradition wieder der Wanderbund Heimatland die Patenschaft - mit Zustimmung der Gemeinde Schliersee, des Försters und der Polizei.

Das neue Kreuz sollte in Material und Maßen mit seinen beiden Vorgängern identisch sein. "Es ist aus Lärchenholz, das ist am witterungsbeständigsten", erklärt Schwärzer. Ein Schreiner fertigte aus Vierkantbalken das 2,60 Meter hohe und 1,55 Meter breite Exemplar. Auch die traditionelle Inschrift wurde wieder angebracht. In der Zwischenzeit entfernten die Wanderfreunde das kaputte Kreuz und gossen ein neues Betonfundament.

Glücklicherweise ragt der Gipfel des Rauhkopfs nur hundert Meter höher als die Bergstation der Taubenstein-Gondelbahn. So mussten Schwärzer und seine Kameraden ihre Werkzeuge, das Wasser und den Zement nicht den ganzen Weg auf den Berg tragen. Schließlich packten die Wanderfreunde das neue Kreuz an einem wolkenverhangenen Sommertag in blaue Mülltüten, schafften es mit dem Lastenlift der Taubensteinbahn auf den Berg und schleppten, zerrten und wuchteten es auf den Gipfel des Rauhkopf.

Am 16. Juli wurde das neue Gipfelkreuz mit einem Berggottesdienst eingeweiht. Über hundert Menschen feierten mit - und dass auch viele Almbauern darunter waren, zeigt Wolfgang Schwärzer, dass das Kreuz vom Rauhkopf doch vielen wichtig ist. Für ihn selbst sind Berggipfel auch ohne Kreuz echte Gipfel. "Das Kreuz hat man halt, um etwas Bestimmtes damit zu verbinden", sagt er. Die Mitglieder des Wanderbunds Heimatland erinnert "ihr" Gipfelkreuz an ihre verstorbenen Angehörigen.

Auch für Wolfgang Schwärzer sind die Stunden auf dem Rauhkopf eine gute Gelegenheit, außerhalb der Alltagshektik an die Persönlichkeit der Toten zu denken. Das neue Kreuz, hofft er, wird erst mal eine Zeit lang halten. "Das nächste stell ich jedenfalls nimmer auf", lacht er.

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(Artikel vom 06.09.2005)