Ein Instrument lernen im Ruhestand
Ein Instrument lernen im Ruhestand
Immer mehr Senioren holen einst Versäumtes nach
Von Anna Steinabauer
"Die Klavierstunde habe ich oft geschwänzt", erinnert sich Rudolf B. schmunzelnd. Block- und Querflöte haben ihn nie interessiert. In der Evangelischen Jugend lernte er ein paar Griffe auf der Gitarre, um gängige Wanderlieder zu begleiten. Und das war's dann auch schon in Sachen musikalischer Früherziehung. "Ich habe mir eingeredet, dass ich musikalisch nicht begabt bin, aber jetzt im Ruhestand habe ich eine ganz andere Erfahrung gemacht", sagt er stolz.
Rudolf B. nimmt seit einem Jahr Gitarre-Unterricht: Bei seinem Enkel, der in einer Rock-Band spielt. Einmal in der Woche treffen sich die beiden. "Ich zahle ihm den regulären Stundenpreis für Musikunterricht, und er hängt sich rein", betont der Spätberufene. "Hotel California" von den Eagles und jede Menge Beatles-Songs gehören schon zu seinem Repertoire. Bei einem Segeltörn hat er kürzlich seine Kumpel musikalisch unterhalten und verblüfft. "Ich habe tatsächlich Talent", sagt Rudolf B., und sein Enkel sei "Mordsstolz" auf ihn. "Die Beatles und die Stones das waren doch die Helden meiner Studentenzeit. Und jetzt spiele ich ihre Lieder selber. Ein Wahnsinn."
Immer mehr Senioren holen Gitarre, Flöte oder Hackbrett aus dem Keller, schreiben sich in Musikschulen oder Volkshochschul-Musikkursen ein oder nehmen Privatunterricht. Es gibt bereits Senioren-Orchester, die konzertieren oder für Altersgleiche zum Tanz aufspielen. "Ein Instrument ganz neu zu erlernen hängt nicht vom Alter ab, sondern von den Grundfähigkeiten, die einer mitbringt, wie Koordination und Feinfingermotorik", erklärt die Münchner Klavierlehrerin Monika Sutil, die auch einige Senioren unterrichtet. Grundlagen aus jungen Jahren seien zwar wünschenswert, aber wenn man gut organisiert sei, ein Gefühl für Raum und Zeit mit sich bringt und Zuhören kann, so sei es nicht auszuschließen, auch noch im Alter ein Instrument zu erlernen.
Der Lernprozess bei Erwachsenen sei allerdings langwieriger, sagt Sutil. "Man sollte sich daran gewöhnen, kleine Schritte vorwärts zu gehen. Es muss ja nicht immer gleich die Brahms-Sonate sein." Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge ist das Notenlesen im übrigen ein sehr gutes Gehirntraining und kann Altersdemenz vorbeugen.
Experimenten am Institut für Musikphysiologie in Hannover zufolge verändert schon zwanzig Minuten Klavierspiel die Hirnfunktionen, da die Gehirnregionen für Bewegung und Hören miteinander verknüpft werden. Das Musizieren im Alter steigere das Wohlbefinden und die Lebensfreude. Außerdem verbessere Musik die Ausdrucksfähigkeit und die Wahrnehmung alter Menschen.
Schon im Alten Testament wird die heilende Kraft der Musik beschrieben: Der Schafhirte David wird an den Hof des König Saul gerufen, weil er das Harfenspiel beherrscht. Er soll dem kranken König Saul helfen, der von einem bösen Geist besessen ist. Davids Harfenklänge zeigen Wirkung: "Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm", berichtet der Chronist im Alten Testament (1.Samuel, 16, 14).
Bei allen Instrumenten gibt es jedoch Altersempfehlungen. Das Üben eines Streichinstrumentes nimmt mit den Jahren wesentlich mehr Zeit in Anspruch als beispielsweise ein Blasinstrument. Das Saxophon gilt als ein ideales Instrumente für Späteinsteiger. Viele Gründe sprechen also dafür, im Ruhestand, wenn wieder Zeit für Dinge vorhanden ist, die man schon immer tun wollte, ein Instrument zu erlernen oder seine bereits vorhanden Kenntnisse aufzufrischen. Der französische Schriftsteller Victor Hugo brachte die Bedeutung der Musik auf den Punkt: "Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist."


