Balkon mit Aussicht
Balkon mit Aussicht
Als Herbergseltern im Lutherischen Gästehaus von Jerusalem (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Susanne Petersen
Zwei Jahre lang waren Hans Karl Henne und seine Frau Mechthild Kreye-Henne die Herbergseltern mit der politisch und religionsgeschichtlich wohl spannendsten Aussicht der Welt. Denn auf der Dachterrasse des Lutherischen Gästehauses in der Altstadt von Jerusalem kommt alles zusammen: Im Westen wölben sich die Kuppeln der Grabeskirche, daneben ragt der Sandstein-Turm der evangelischen Erlöserkirche auf, im Osten schimmert die Kuppel des Felsendoms neben dem Minarett der el-Aqsa-Moschee, und davor erstreckt sich die Klagemauer. So viele heilige Stätten auf einem Fleck, so viele Religionen und Nationen: Auf dieser Dachterrasse wird mit einem Blick deutlich, warum "Yerushalayim", die Stadt des himmlischen Friedens, so hart umkämpft ist.
"Trotzdem", sagt Mechthild Kreye-Henne, "lebt man hier relativ normal." Die Kontakte zu den arabischen Händlern, die in den quirligen Bazaren der Souks ihre Geschäfte treiben, sind herzlich. "Sechs Wochen nach unserem Einzug im Lutherischen Gästehaus waren wir bei der Nahost-Konferenz in Amman", erinnert sich die 68-Jährige. Als sie nach wenigen Tagen zurückkamen, wurden sie mit einer Mischung aus Entrüstung, Neugier und Sorge empfangen. "Ein Händler stellte sich schließlich mitten auf die Straße, breitete die Arme aus und rief: Sie waren in Amman!", erzählt die Religionspädagogin. Danach waren allen zufrieden.
Zwischenfälle gibt es selten: Manchmal werfen orthodoxe Juden aus der Nachbarschaft "ihre Fischköppe vor unsere Tür", sagt Kreye-Henne. Oder es tritt jemand die Glühbirnen der Dachterrassen-Beleuchtung kaputt. Ansonsten gibt es zwar kein freundschaftliches Miteinander der Religionsgruppen, aber doch ein halbwegs tolerantes Nebeneinander. "Dafür, dass hier so ein großes Potenzial an Hass, Wut und Enttäuschung existiert, passiert eigentlich fast nichts", bilanziert ihr Mann. Touristen sind in der Altstadt sicher. Der 64-Jährige hofft, dass auch Palästinenser und Israelis irgendwann zum Frieden finden: "Warum soll Gott nicht in seinem eigenen Land einmal ein Wunder wirken?"
Dass die Hennes im Ruhestandsalter noch einmal die Leitung eines evangelischen Hotels in Jerusalem übernommen haben, war Zufall - und auch nicht. Schließlich ist Hans Karl Henne seit über 20 Jahren mit der Heiligen Stadt verbandelt. Als Landesreferent für ökumenische und internationale Austauschprojekte des Evangelischen Jugendwerks Württemberg hat er rund 100 Workcamps für den CVJM in vierzig Ländern auf vier Kontinenten organisiert. 1979 lernte er den Generalsekretär des East Jerusalem YMCA kennen. "Der sagte zu mir: Ihr Deutschen schaut in Israel nur die toten Steine an - die lebendigen überseht ihr", erinnert sich der Theologe. Es war der Beginn eines Austauschs zwischen deutschen und palästinensischen jungen Christen.
"Dass wir im Ruhestand noch was vorhaben, war immer klar", lacht Mechthild Kreye-Henne. Afrika war der große Traum, dort hatte ihr Mann früher schon einmal neun Jahre als Bruderschaftssekretär des YMCA verbracht, sechs in Nigeria, drei im Sudan. Doch dann wurde bei ihm eine Herzkrankheit diagnostiziert und der Traum platzte. "Im Busch gibt's halt keinen Kardiologen", sagt sie lapidar. Ein Besuch in Jerusalem Ende 2002 stellte die Weichen neu. Der evangelische Propst suchte einen Leiter für sein frisch renoviertes Gästehaus. "Wir haben uns angeschaut und dann war eigentlich alles klar", sagt Mechthild Kreye-Henne. Als ehrenamtliche Herbergseltern zogen sie im September 2003 nach Jerusalem und begannen damit, das Gästehaus wieder mit Leben zu füllen - im Gegenzug erhielten sie ein Taschengeld, freie Kost und Logis.
Am Anfang kamen kaum Touristen: Das lutherische Hotel war zwei Jahre geschlossen gewesen und musste erst wieder ins Bewusstsein der Reisenden rücken. "Das hat ein Jahr gedauert", sagt Hans-Karl Henne. Doch dank Internetseite, Mundpropaganda und Werbung bei deutschen Reisebüros steigt die Nachfrage stetig. Vor allem Deutsche, aber auch Amerikaner, Südafrikaner, Holländer oder Briten finden den Weg in das armenische Viertel der Altstadt. Weil die Arbeitslosigkeit in der Altstadt bei über 50 Prozent liegt, freut es die Hennes besonders, dass in der Küche, im Zimmerservice, an der Rezeption des Lutherischen Gästehauses 15 palästinensische Christen Arbeit haben.
Dieses Team bleibt, auch wenn die Hennes jetzt mit Bedauern gehen müssen. Die evangelische Jerusalem-Stiftung hat den Vertrag nicht verlängert, Nachfolger werden noch gesucht. Am Sonntag, 18. September werden die Herbergseltern mit einem Gottesdienst in der Erlöserkirche verabschiedet. Dann stechen die beiden in See: Ein Frachtschiff bringt sie von Ashdod in neun Tagen nach Venedig. Anschließend geht es heim ins Schwabenland. Es könnte aber gut sein, dass das nicht ihre letzte Station ist.
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