Das Korn ist daheim

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Das Korn ist daheim

Was ein bayerischer Bauer über das Erntedankfest denkt (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Claudia Henzler

Keine halbe Stunde dauert der Weg von der bayerischen Landeshauptstadt aufs Land. Ganz im Westen des Münchner Umlands liegt der kleine Weiler Zötzelhofen. Zwischen mannshohen Maisfeldern hindurch führt der Weg zu den beiden einsamen Bauernhöfen, aus denen der kleinen Weiler besteht. Hier haben Reinhardt und Annemarie Kaufmann fast 30 Jahre lang Getreide angebaut und das Vieh versorgt, wie es ihre Vorfahren schon seit Generationen taten. Auf den Treppenstufen zur Eingangstür, vor der die Eheleute ihren Besuch erwarten, leuchten zwei Kürbisse. Wie passend, soll es doch heute um Erntedank gehen.

Als Bauernfunktionär - Kaufmann ist seit neun Jahren Obmann der Landwirte im Landkreis Fürstenfeldbruck - ist der 59-jährige Altbauer ein Fachmann in Sachen Ernte. Annemarie Kaufmann hat sich ein Vierteljahrhundert in der evangelischen Kirche engagiert, regelmäßig Kindergottesdienste und Kinderbibelwochen vorbereitet.

Seit fast drei Jahren liegt die Verantwortung für den Hof bei ihrem Sohn, trotzdem ist ein Gespräch über Erntedank erst möglich, als das Getreide eingeholt ist. Denn selbstverständlich müssen auch die Altbauern ran, wenn es darum geht, die Ernte zu sichern. Vor zwei Wochen war Kaufmann noch die Sorge um die Qualität des Weizens anzuhören - wegen des vielen Regens hatten man einen besonders schlechten Jahrgang erwartet - nun ist er nur noch erleichtert. Das Korn ist gedroschen, das Stroh eingeholt. "Es ist daheim", sagt Reinhardt Kaufmann. Dass der Mais noch auf den Feldern steht, ist unerheblich.

"Es gibt kein Recht auf gute Ernten", sagt der Altbauer. "Auch wenn es mal nicht so gut ist", wie Annemarie Kaufmann ergänzt, ist das schon immer der Zeitpunkt, an dem sie nur Dankbarkeit empfinde. Für sie beide sei Erntedank deshalb ein "geistiges Fest", sagt Reinhardt Kaufmann. Besondere Rituale, ein großes Essen etwa, haben die Kaufmanns dafür nicht. "Erntedank ist nicht Weihnachten", sagt er. Dass manche Kirchengemeinden ihren Altar zu diesem Anlass sogar mit Bananen schmücken, bringt Kaufmann zum Schmunzeln. Für ihn hat das wenig mit dem Gedanken an Erntedank zu tun.

Es sei mehr als ein Datum im Kirchenjahr oder ein mit Obst- und Gemüse geschmückter Festtag. Wessen Lebensunterhalt Jahr und Tag von äußeren Einflüssen abhängig ist, kann mit solcher Folklore offenbar nichts anfangen.

"Es ist Anlass, über alles nachzudenken, was einen ausrüstet", formuliert Kaufmann. Dass dieser Gedanke unter Landwirten besonders verbreitet ist, würde der Bauernvertreter durchaus bestätigen wollen. Er betont aber: "Es ist nicht nur ein Fest für Bauern." Jeder habe die Veranlassung, Danke zu sagen. "Nichts ist selbstverständlich, weder die gute Ernte, noch der Arbeitsplatz." Annemarie Kaufmann fände es deshalb sinnvoller, wenn der 2. Oktober schlicht "Dank-Fest" heißen würde.

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(Artikel vom 27.09.2005)