Hilferufe im Angesicht der Kürzungswelle
Hilferufe im Angesicht der Kürzungswelle
Der Beratungsbedarf der Kirchengemeinden wächst sprunghaft (Korrespondentenbericht)
Von Peter Reindl
Von den Kanzeln wurde noch Eintracht gepredigt, hinter den Kulissen war schon Hauen und Stechen im Gange. Zwei kleine evangelische Landgemeinden waren sich in die Wolle geraten. Weil die Kirchenleitung statt bisher zwei nur noch einen Pfarrer für beide zusagte, brach zwischen den Nachbardörfern der Konkurrenzkampf aus. In welchem Pfarrhaus würde nun das Licht ausgehen?
"Die liegen so nahe beieinander, dass sie den Kirchturm der anderen sehen können, aber einigen konnten sie sich nicht", erzählt Horst Bracks. Der 49-jährige Sozialpädagoge ist Gemeindeberater bei der Gemeindeakademie der bayerischen Landeskirche in Rummelsberg bei Nürnberg und somit Spezialist für schwierige Fälle. Wenn Gemeinden oder Dekanate alleine nicht mehr weiterwissen, dann buchen sie in Rummelsberg ein Beratungsteam. Seit 20 Jahren gibt es die Gemeindeberatung und nie war sie nötiger als heute.
Fünf hauptamtliche und 34 nebenamtliche Beraterinnen, allesamt von der Gemeindeakademie ausgebildet und von der Kirchenleitung akkreditiert, stehen bayernweit zur Verfügung. Durchschnittlich 90 Fälle bearbeiten sie jährlich. In den 90-er Jahren waren es nicht einmal die Hälfte. Der sprunghaft gewachsene Beratungsbedarf zeigt, dass der Ernst der Lage langsam an der Gemeindebasis ankommt.
Es spricht sich herum, dass die landeskirchlichen Kürzungen bei Personal und Finanzmitteln eben kein Platzregen sind, den man nur abwettern müsse, um wieder ins Blaue hinein leben zu können. Strukturveränderungen sind unausweichlich, Gemeinden müssen kooperieren oder gar fusionieren, Aufgabenfelder preisgegeben und Gebäude verkauft werden.
Doch am Ende soll sich niemand überfahren fühlen. "Wir versuchen, Verständigungsprozesse zu organisieren", sagt Bracks. Und seine Rummelsberger Kollegin, die Pfarrerin Gudrun Scheiner-Petry ergänzt: "Wir geben uns nicht dafür her, Handlanger Einzelner bei der Durchsetzung ihrer Interessen zu sein." Die Nagelprobe lautet, mit schwindenden Ressourcen so umzugehen, dass die Geschwisterlichkeit keinen Schaden nimmt und im Idealfall sogar neue Perspektiven sichtbar werden.
Bei den beiden zerstrittenen Nachbargemeinden ist es gelungen. Nach vielen Gesprächen und einer heißen Versammlung auf neutralem Boden unterzeichneten die Kirchenvorstände einen Kooperationsvertrag. Höhepunkt war gut fränkisch ein gemeinsames Bratwurstessen. "Das war wie ein Versöhnungsmahl", sagt Bracks. Als der neue Pfarrer kam, war die Sache buchstäblich gegessen.
Konfliktberatungen haben zwar deutlich zugenommen, aber sie sind nicht der einzige Auftrag der Berater. Ein Kirchenvorstand will am Ende der Amtszeit Bilanz ziehen und den Nachfolgern eine Art Vermächtnis hinterlassen. Eine andere Gemeinde will zu ihren 50-jährigen Bestehen ein zeitgemäßes Leitbild formulieren und eine dritte sieht sich an der Oberkante der Belastbarkeit. "Welche Aufgaben müssen wir abgeben?", lautet die Frage. Je nach Auftragsumfang dauert die Beratung von einem Abend bis zu einem Jahr.
Dass die Berater demnächst arbeitslos werden könnten, ist nicht zu erwarten. Schließlich plant die Kirchenleitung einen landesweiten Finanzausgleich, bei dem manche Gemeinden gehörig Gelder einbüßen werden. "Der Veränderungsdruck wird gewaltig", prophezeit Bracks. Ihr 20-jähriges Bestehen feiert die Gemeindeberatung am 21. und 22. Oktober in Rummelsberg denn auch unter einem Doppelmotto: "Zukunft gestaltet Kirche - Kirche gestaltet Zukunft."


