Armenier und Türken: Alte Freunde?
Armenier und Türken: Alte Freunde?
Ausstellung zeigt das Leben der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Korrespondentenbericht)
Von Anna Steinbauer
"Wir danken Ihnen vielmals, dass sie uns mit uns selbst bekannt gemacht haben" - Diesen Satz schrieb ein Armenier in das Gästebuch der Ausstellung, die seit 28. September in der Aspekte Galerie im Münchner Gasteig zu sehen ist. Die Schau zeigt über 500 Postkarten des Sammlers Orlando Carlo Calumeno, die das Leben der Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den verschiedenen Provinzen der Türkei anschaulich machen.
Die Ausstellung "Sireli jegpayris-Lieber Bruder - Armenier in der Türkei vor 100 Jahren" dokumentiert anhand der Bildpostkarten das Alltagsleben von Armeniern in den verschiedenen Provinzen der Türkei. Auf den zum Teil handkolorierten Karten sind typische Wohnviertel, Kirchen, Klöster und Schulen zu sehen, aber auch Abbildungen von Handwerk, Straßenszenen und Festlichkeiten.
Anhand der Angaben über Bevölkerungszusammensetzung, Religion und Gewerbetätigkeiten in den einzelnen Provinzen wird ersichtlich, dass die Armenier in allen Teilen der Türkei vertreten waren, sich jedoch hauptsächlich im Osten angesiedelt hatten. Führend waren sie in der Seidenweberei, der Schmuckherstellung und der Teppichweberei. Vor allem im Seidenhandel mit China, Iran und Indien hatten sie ein Monopol.
Der Ausstellungsmacher Osman Köker beschäftigt sich seit vielen Jahren als Verleger und Journalist mit der Situation nicht-muslimischer Minderheiten in der Türkei und ist Mitbegründer der Minderheitenkommission des Menschenrechtsvereins in Istanbul. Die Armenier, so meint er, waren vor allem im kulturellen Bereich mit der Herausgabe von Zeitungen "ihren muslimischen Nachbarn voraus". Er begründet diesen Vorsprung mit der damaligen Struktur der osmanischen Gesellschaft, in der die muslimische Bevölkerungsgruppe überwiegend Landwirtschaft und Militär dominierte. So blieben für die christlichen Armenier nur der Handel und das Gewerbe, die mit der Entwicklung des Kapitalismus an Bedeutung gewannen.
Auch dem Glauben widmet die Ausstellung ein Bereich. Die armenische Kirche ist ursprünglich apostolisch, Katholiken aus Deutschland und Dänemark versuchten aber schon seit dem 19. Jahrhundert, die Armenier zu missionieren, wie Abbildungen von Missionarsschulen dokumentieren. Im Gesamten funktionierten die Armenier landesweit jedoch als Gemeinschaft, so Köker. Ganz im Gegensatz hierzu stand das immer schlechter werdende Verhältnis zwischen Armeniern und muslimischen Türken, das im Völkermord von 1915 endete.
Im Jahr 2005 jährt sich zum 90. Mal dieser Völkermord, in den auch das deutsche Kaiserreich als wichtigster Verbündeter der jungtürkischen Regierung verwickelt war. Die Veranstalter der Ausstellung, die Aspekte Galerie der Münchner Volkshochschule in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll Stiftung, wollen diesen Jahrestag zum Anlass nehmen, durch Vorträge, Filme und ein Symposium, dieses totgeschwiegene Thema in der Geschichte aufzuarbeiten.
"Diese Ausstellung ist in erster Linie für die Türkei konzipiert. Noch heute wird in der Türkei die Geschichte in den Schulen falsch gelehrt: Es wird ausgeblendet, dass einst nicht-muslimische Menschen mit den Türken zusammen in denselben Städten gewohnt haben", erklärt Köker. "Ihre Herkunft ist sehr wichtig für die Türken. Nun merken sie, dass viele Armenier in ihren Dörfern gelebt haben." Die Postkarten sollen als Brücke zwischen Kulturen wirken und armenische Kultur aus dem Anatolien vor 100 Jahren in die Gegenwart tragen, wünscht sich Köker.
Die Ausstellung "Armenier in der Türkei vor 100 Jahren" im Gasteig ist bis 12. November täglich von 10 bis 22 Uhr zu sehen.


