Der Mut, ein einzelner zu werden

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Mut, ein einzelner zu werden

Vor 150 Jahren starb der Existenzphilosoph Sören Kierkegaard (Termin: 11. November)

Von Christian Feldmann

"Entweder - oder" hieß der zweibändige Wälzer von Sören Kierkegaard, der im Jahr 1843 in Kopenhagen erschien. Das Buch war eine schwer verdauliche philosophische Kost, die beim Publikum dennoch wie eine Bombe einschlug. Dem Leser wurde die Entscheidung zwischen verschiedenen Lebensformen abverlangt: der ästhetischen, der ethischen, der religiösen. Ein klarer Entschluss, keine Halbheiten mehr. Die Leser waren erschlagen von der Wucht dieses geballten Angriffs und fasziniert von der funkelnden Sprache. Der Verfasser versteckte sich zwar hinter mehreren fiktiven Autoren und Herausgebern, aber das passte zum Buch: Nicht um einen Schriftsteller ging es, sondern schlicht um die Wahrheit.

Die Wahrheit bildete den Lebensinhalt des jungen Kopenhagener Philosophen Sören Kierkegaard. Er kam 1813 als Sohn eines reichen Wollhändlers zur Welt, in dessen Haus die feine Gesellschaft Kopenhagens verkehrte. Ihm verdankte der Sohn hervorragende geistige Anregungen, aber auch ein verpfuschtes Seelenleben voller Ängste und Schuldgefühle. Als Theologiestudent verlobt er sich mit einer 16-jährigen Schönheit, entsagt ihr nach wenigen Monaten, weil er ihr seine inneren Konflikte nicht eingestehen will. Aber als sie einen anderen Mann heiratet, flüchtet er sich in eine abgrundtiefe Frauenverachtung und erklärt sie fortan alle für treulose Wesen.

Doch ausgerechnet dieses scheinbar nie aus der Pubertät herausfindende Nervenbündel, wird zum großen Mutmacher unter den Existenzphilosophen. Klar wie kaum ein zweiter sieht er die tausend Verstrickungen des Menschen in Schuld in Angst - und erklärt ihn unverdrossen für fähig, gerade im Annehmen seiner Grenzen und Belastungen das Leben zu bewältigen.

Er beendet sein Studium in kürzester Zeit, liefert eine brillante Doktorarbeit über die Ironie bei Sokrates, wechselt nach Berlin, lernt Deutsch und saugt alle möglichen Vorlesungen in sich hinein. Wieder daheim in Kopenhagen, nimmt er den Kampf gegen alle "Ismen" und starren Denksysteme auf - vor allem gegen Georg Friedrich Hegel, den Philosophengott seiner Zeit. Gegen die Vermassung, das Abwälzen der Verantwortung auf anonyme Instanzen, gegen die seichte Unverbindlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft setzt er ein neues individuelles Bewusstsein: den "Mut, ein einzelner zu werden". Jeder Mensch sei aufgefordert, sich seiner selbst bewusst zu werden, Verantwortung für sich und die anderen zu übernehmen.

Zu dieser bewussten Existenz gehört auch die Angst. Denn sie sei das Wissen um die Möglichkeit, die eigene Bestimmung zu verfehlen. Deshalb könne Angst erlösend wirken - aber auch zur dumpfen Verzweiflung werden, zum Wahn, verloren zu sein. "Krankheit zum Tode" nennt das Kierkegaard. Der Mensch kann nicht er selbst sein, er möchte sich loswerden, muss leben mit seinem Leiden an einem kaputten Ich. Die einzige Rettung aus der Verzweiflung an der eigenen Existenz besteht für Kierkegaard darin, sich selbst im Gespräch mit dem wiederzufinden, der Dasein gesschaffen hat: "Siehe, Gott wartet! So spring zu in Gottes Arme."

Der widerborstige Theologe Kierkegaard, der kurz vor seinem Tod aus der dänischen Staatskirche austreten wird, verkündet einen Christus, der nicht pflegeleicht ist, nicht die Schwierigkeiten des Lebens lächelnd aus dem Weg räumt: Das Christentum sei nicht "als ein Prachtstück von milden Trostgründen in die Welt gekommen - sondern als das Unbedingte". Sein Gott "will sich nicht umschaffen lassen von den Menschen und ein gar lieber - menschlicher Gott werden: er will umschaffen, die Menschen umschaffen, und das will er aus Liebe."

Am Ende ist der schwierige Philosoph komplett isoliert. Mit sich, den Frauen und der Welt zerfallen, voller Wut auf die bürgerliche Gesellschaft und die Kirche mit ihrer Beamtenmentalität, zieht er sich völlig zurück. Im Oktober 1855 bricht er auf der Straße zusammen. Er wird in ein Krankenhaus gebracht, wo sich die Ärzte vergeblich um eine Diagnose bemühen. Am 11. November 1855, mit 42 Jahren, ist Sören Kierkegaard tot.

(Artikel vom 07.11.2005)