Die fromme Radikale Dorothy Day

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die fromme Radikale Dorothy Day

25. Todestag der Gründerin der katholischen Gewerkschaftsbewegung in den USA (Termin: 29. November) (Korrespondentenbericht)

Von Christian Feldmann

Noch als alte Dame war sie das schwarze Schaf des amerikanischen Katholizismus. Leute mit vaterländischem Pflichtgefühl beschlich ein Unbehagen, wenn Dorothy Day, die Begründerin der katholischen Gewerkschaftsbewegung in den USA, zur Verweigerung von Militärsteuern aufrief oder die Politik der atomaren Aufrüstung als absolut unvereinbar mit dem Evangelium bekämpfte. Dorothy Day, die am 29. November vor 25 Jahren starb, vertrat hartnäckig die Überzeugung, soziales Elend, Erniedrigung, Angst und Krieg ließen sich nicht mit materiellen Mitteln und gesellschaftlichen Reformen bekämpfen: "Wir haben gegen die Kraft der Hoffnung gesündigt (...). Wo sind unsere Heiligen, um die Massen zu Gott zu rufen?"

In Bath Beach, Brooklyn, kam Dorothy Day 1897 zur Welt. Mit 16 Jahren errang sie ein Stipendium für die Universität Illinois, wo sie sogleich in die Sozialistische Partei eintrat. Gegen Zeilenhonorar schrieb sie in ihrem bitterkalten Zimmer Artikel für die Lokalzeitung - die regelmäßig in den Papierkorb flogen, wenn sie zu kritisch waren. Nach zwei Jahren hatte Dorothy genug von den akademischen Problemen. Sie ging nach New York und wurde Journalistin beim sozialistischen "Call" ("Der Ruf").

Sie schrieb über Protestkundgebungen, brutale Polizeieinsätze, Streikmeetings und Friedensaktivitäten. Sie besuchte obdachlose Familien in New Yorker Notunterkünften und ergriff Partei für den Zehnstundentag und gerechte Löhne. Damals war noch nicht einmal jeder zehnte amerikanische Arbeiter gewerkschaftlich organisiert. Dorothy Day führte ein unstetes Leben in der Gesellschaft theaterbegeisterter Bohemiens - und fand sich nach durchgemachten Nächten nicht selten in einer Kirche wieder. Sie kniete irgendwo ganz hinten - "ohne zu wissen, was am Altar vorging, aber erwärmt und getröstet von den Lichtern und der Stille".

Ihre politische Einstellung ließ sie den Wert einer solchen Gemeinschaft schätzen. Die Kirche schien ihr voller Leben, hatte sie nicht die Jahrhunderte überdauert? Mit 30 Jahren empfing Dorothy Day die Taufe, immer noch ein wenig skeptisch, der eigenen Kraft misstrauend, aber entschlossen, das Abenteuer des Glaubens zu riskieren. Die quälenden Gewissensfragen ließen sie nicht los: War sie nicht ihrer Klasse und den Ausgebeuteten untreu geworden, übergelaufen zu einer Kirche, die den Reichen diente?

Zusammen mit dem Franzosen Peter Maurin gründete Dorothy Day damals den "Catholic Worker". Die Zeitung kostete einen Cent, damit sie sich jeder leisten konnte. Das Blatt informierte über Kinderarbeit in den Fabriken, Farmerstreiks und Billiglöhne für Schwarze, schilderte die miserablen Arbeitsbedingungen von Restaurant-Angestellten und ging gegen den sich ausbreitenden Antisemitismus an. Bald war "Catholic Worker" nicht mehr nur der Name einer Zeitung, sondern einer Hilfsorganisation für hungernde Arbeitslose. Später erwuchs daraus der Zusammenschluss katholischer Arbeiter der Vereinigten Staaten.

Seite an Seite mit Kommunisten protestierten die "Workers" 1936 vor dem deutschen Konsulat in New York gegen die Judenverfolgung. Die Day reiste durch halb Amerika, vierzig Jahre lang, sie redete in Schulen und Pfarrgemeinden, besuchte Streikende, half den vertriebenen Landpächtern in Arkansas, wo Versicherungsgesellschaften große Landstriche aufgekauft hatten.

Als der Zweite Weltkrieg vorüber war und die atomare Bedrohung immer beklemmender wurde, rückte der Pazifismus an die erste Stelle im Themenkatalog der "Workers". Sie schockten das konservative Amerika, indem sie Luftschutzübungen störten, zum Steuerboykott aufriefen, Fastenaktionen für den Frieden organisierten und den Krieg als Mittel der Politik in Frage stellten. Noch als Greisin beteiligte sich Dorothy Day an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg - und wanderte dafür zum sechsten Mal in ihrem Leben ins Gefängnis.

In diesen letzten Jahren führte sie ein ruhiges Leben auf einer von armen Arbeitern bewohnten Farm in der Nähe von New York. Sie war ein Mensch der Anbetung geworden. Am 29. November 1980 starb Dorothy Day, 83 Jahre alt. Beim Requiem, so berichtete die Zeitung "Newsweek", "gab es keine Tränen, nur Hallelujas für ihr langes und leuchtendes Leben".

(Artikel vom 28.11.2005)