"Draußen tobt die Dunkelziffer"
"Draußen tobt die Dunkelziffer"
Extreme Armut nimmt wieder zu - 120 Jahre Stadtmission Nürnberg (Korrespondentenbericht)
Von Peter Reindl
Der Winter hat noch gar nicht begonnen, aber schon hat die evangelische Stadtmission Nürnberg so viele Bekleidungsscheine ausgegeben wie im gesamten vergangenen Jahr. Auch die direkten Hilfszahlungen an Menschen, die dringend ein paar Euro brauchen, weil sie nichts mehr in der Tasche haben, sind aufs Doppelte gestiegen. "Die Armut ist unser ständiger Begleiter", sagt Vorstandssprecherin Gabriele Sörgel. Im November wird der größte Wohlfahrtsverband Nürnbergs 120 Jahre alt.
Die Gründung am 22. November 1885 war eine Reaktion auf die sozialen Umbrüche der Industrialisierung. Das Maschinenzeitalter warf althergebrachte Ordnungen über den Haufen und Menschen aus ihrer Bahn. Hunderttausende vor allem junger Leute strömten nach Nürnberg auf der Suche nach Arbeit und einem Dach über dem Kopf. Überall entstanden christliche Vereine zur Linderung der Not.
Die erste Einrichtung der Stadtmission war eine "Mägdeherberge". Sie gab jungen Frauen vom Land ein Obdach und vermittelte sie als Dienstmädchen in die Haushalte des aufstrebenden Bürgertums. Ein Zufluchtshaus für strafentlassene Frauen, eine Schreibstube für stellenlose Kaufleute und eine Fürsorge-Erziehungsanstalt folgten. Heute betreibt die Stadtmission 51 Sozialeinrichtungen. 780 hauptamtliche und 300 ehrenamtliche Mitarbeitende betreuen jährlich rund 15.000 Klienten.
Während andernorts die antiquierte Bezeichnung Stadtmission längst durch den Begriff "Diakonisches Werk" abgelöst wurde, wird in Nürnberg bewusst daran festgehalten. "Unser Name steht für christliche Verkündigung durch Taten", sagt Vorstandsmitglied Anna-Margareta Oldenburg. Die wird auch weiterhin nötig sein, denn der Ausblick nach 120 Jahren stimmt nicht optimistisch: "Die extreme Armut steigt wieder."
Fast zwölf Prozent der Nürnberger Haushalte gelten als arm. Steigende Mieten und Energiekosten führen in die Schuldenfalle. Die Stadtmission wertet es als Alarmzeichen, dass vermehrt Frauen in die Wärmestube kommen. Oldenburg: "Frauen setzen normalerweise alles daran, ihre Not zu verheimlichen, das gelingt ihnen nun nicht mehr." Die verborgene Armut wird sichtbar, aber Oldenburg weiß, dass das längst noch nicht alles ist: "Draußen tobt die Dunkelziffer."
Zur materiellen Not kommt die Beziehungsarmut: Innerhalb von zehn Jahren hat die Zahl der Klienten mit Depressionen um 74 Prozent zugenommen. "Es hat früher nicht annähernd so viele Menschen mit seelischer Erkrankung gegeben", stellt Vorstandssprecherin Sörgel fest.
Wenn die Stadtmission fordert, nicht die Armen zu bekämpfen, sondern die Armut, dann richtet sich das gegen eine Politik, die Misstrauen zu ihrem Prinzip gemacht hat. "Menschen werden verschreckt, Hilfe anzunehmen", kritisiert der Wohlfahrtsverband. Anstatt sich immer neue Formulare und Kontrollinstanzen auszudenken, solle der Staat mehr Vertrauen in die Arbeit der Sozialeinrichtungen setzen. Barmherzigkeit dürfe nicht unter einem "irrsinnigen Verwaltungsaufwand" erstickt werden.


