Korruption und Stammesdenken unterminieren den Staat
Korruption und Stammesdenken unterminieren den Staat
Tagung über Papua-Neuguinea 30 Jahre nach der Unabhängigkeit (Korrespondentenbericht)
Von Annekathrin Jentsch
Auch 30 Jahre nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas prallen noch immer traditionelle und westliche Systeme aufeinander. In Europa seien parlamentarische Demokratie und Justizwesen über Jahrhunderte entwickelt worden. "Das war bei uns in Papua-Neuguinea nicht über Nacht möglich", sagte der frühere oberste Richter Papua-Neuguineas, Sir Arnold Amet, am Wochenende bei einem Studientag im bayerischen evangelischen Missionswerk (Neuendettelsau). Anlässlich der 30-jährigen Unabhängigkeit des Pazifikstaates von Australien 1975 hatte das Missionswerk, das enge Beziehungen zu Papua-Neuguinea und seiner lutherischen Kirche pflegt, zu einem Studientag eingeladen.
Amet kritisierte die fehlende Integrität in Politik und Kirche. Die Polizei missbrauche ihre Macht, indem sie ganze Dörfer terrorisiere und willkürlich Menschen verhafte. "Wenn unsere Führer selbst mehrheitlich korrupt sind, wie kann die Bevölkerung die Gesetze respektieren?", fragte er. Auch Kirchenführer seien heute kein rühmliches Beispiel an Moral. So säßen Pfarrer wegen Unterschlagung im Gefängnis. "In der Kirche vergeben und vergessen wir, aber wir bestrafen nicht", sagte Amet, der heute als Berater zahlreicher Kirchen tätig ist.
Auch dem Politologen Roland Seib (Speyer) zufolge bilden Tradition und Moderne noch immer keine Einheit. "Die lokale und ethnische Verankerung der Menschen dominiert weiterhin", sagte er. Der Staat habe sich mit seinen Normen nicht durchsetzen können. So sei es etwa um die Sicherheit schlecht bestellt. Bei Überfällen komme oft überhaupt keine Polizei.
Seib zeichnete ein eher tristes Bild des südpazifischen Landes. Während sich die Bevölkerung seit der Unabhängigkeit verdoppelt hat, sei die Kluft zwischen Arm und Reich extrem gewachsen, die wirtschaftliche Entwicklung stagniere. Allein Australien habe seitdem neun Milliarden Euro Entwicklungsgelder nach Papua-Neuguinea gepumpt. Das Grundproblem einer schwachen Zentralregierung in Port Moresby sei damit allerdings nicht behoben. Um das Land unabhängig von ausländischer Hilfe zu machen, seien vielmehr kleine Schritte wie eine bessere berufliche Ausbildung nötig. Allerdings wertete Seib die Reformbestrebungen zur Eindämmung der Korruption und einer verbesserten Transparenz unter dem gegenwärtigen Premier Michael Somareals hoffnungsvoll.
Kritik an der Abhängigkeit Papua-Neuguineas übte auch der frühere Referent für Papua-Neuguinea im bayerischen Missionswerk, Gernot Fugmann. Mit schicksalhafter Ergebenheit würden von den Überseepartnern Geld bringende Projekte erwartet. Auch in den Kirchengemeinden hoffe man auf einen "Super-Man", der die Infrastruktur wieder aufbaue. Das Abhängigkeitsdenken halte noch immer an.
Der Neuguinea-Kenner unterstrich, dass die Kirche aufgrund ihrer Präsenz bis ins kleinste Dorf durchaus zur nationalen Einheit Papua-Neuguineas beitragen könne. Allerdings hätten sich in den letzten Jahren im Staat wie in der Kirche eher auseinander strebende Interessen durchgesetzt. "Die versöhnende und Einheit stiftende Aufgabe der Kirchen liegt weitgehend brach", bedauerte er.
Mit Blick auf die frühere deutsche Kolonialgeschichte Papua-Neuguineas erinnerte der Historiker Hermann Joseph Hiery daran, dass das Kaiserreich im Gegensatz zu einzelnen Firmen kaum wirtschaftliche Erträge aus dem Land gezogen habe. "Für Bismarck waren die Kolonien potenzielle Tausch- und Prestigeobjekte in Europa, mit denen er auf internationalem Parkett glänzen konnte." Den Neuendettelsauer Missionaren bescheinigte er einen toleranten Umgang mit der Kultur Neuguineas.


