Ein friedliches Sterben ist möglich
Ein friedliches Sterben ist möglich
Das Münchner Zentrum für Palliativmedizin hat internationalen Rang (Korrespondentenbericht)
von Heinz Brockert (epd)
Für 98 Prozent der Menschen, die den Tod vor Augen haben, ist ein friedliches Sterben möglich, wenn Schmerzlinderung durch Ärzte und Sterbebegleitung durch Verwandte, Freunde oder ausgebildete Helfer geschieht. Das betont die Münchner Ärztin und Pionierin der Schmerzmedizin (Palliativmedizin), Claudia Bausewein, Mitglied der Leitung des im April 2004 eröffneten Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedizin (IZP) am Münchner Universitätsklinikum Großhadern. Die Einrichtung, die mit Hilfe der beiden großen Kirchen aufgebaut wurde, findet bundesweite Beachtung und spielt eine wichtige Rolle in der Abwehr der aktiven Sterbehilfe.
Der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe werde von vielen Schwerstkranken aufgegeben, wenn die Schmerzlinderung und Sterbebegleitung gut sei, betont Bausewein. Alle "vernünftigen medizinischen Möglichkeiten der passiven Sterbehilfe" sollten genützt und mit todkranken Patienten offen über ihre Situation gesprochen werden. Die Palliativmedizin müsse auch durch Absprache mit den Kostenträgern auf eine sichere Grundlage gestellt werden. "Ein Teil der Mittel für unsinnige Medizin am Lebensende muss für die schmerzlindernde Medizin umgewidmet werden", fordert die Ärztin, die dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber bei einem Informationsbesuch die Modelleinrichtung vorführte. Das Zentrum, das über zehn Betten verfügt, hat im letzten Jahr fast 200 Patienten stationär betreut.
Der Begriff "palliativ" leitet sich vom lateinischen Wort für Mantel ("pallium") ab. Wie mit einem Mantel sollen Körper, Geist und Seele von unheilbar kranken Menschen "umhüllt" werden, um ihnen so ein schmerzarmes und würdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen. Dazu gehöre die seelische Begleitung der Angehörigen von Sterbenden, "die nicht selten mehr Gesprächszeit benötigen als die Patienten selber", sagte Bausewein. Wichtig sei aber auch die Unterstützung der Ärzte durch sogenannte Hospizhelfer, weil die Mediziner häufig für Patientengespräche angesichts eines nahenden Todes nicht ausgebildet seien. Die Palliativmedizin sollte möglichst früh einsetzen und nicht erst, wenn der Tod unmittelbar bevor stehe.
In Deutschland gibt es inzwischen rund 100 Hospize (Einrichtungen der Sterbebegleitung) und rund 90 Palliativstationen in Kliniken. Die ersten wurden 1983, rund 15 Jahre nach Etablierung der Sterbemedizin in England durch Cecily Saunders, eingerichtet. Das IZP in München wirkt zum einen durch ein Team von Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern, Körpertherapeuten und Seelsorgern im Großklinikum selbst und in Forschung und Lehre, wo Themen wie Lebenssinn, Symptomkontrolle, Patientenverfügungen, Seelsorge und Spiritualität, Ethik und Recht in der Palliativmedizin behandelt werden. Mit den berühmten Universitäten Columbia und Harvard in den USA und dem King's College in London besteht enge Zusammenarbeit. Bahnbrechend für Deutschland war der Beschluss der Universität München, die Palliativmedizin als Pflichtlehr- und Prüfungsfach ins Medizinstudium zu integrieren. Für Fachkräfte aus Medizin, Pflege, Sozialer Arbeit und Seelsorge bietet das IZP Fortbildung an.
Der Bereich "Seelsorge in der Palliativarbeit" ist mit den anderen Disziplinen im IZP eng verzahnt. Die evangelische und die katholische Kirche haben je eine Projektstelle bewilligt. Es gehe darum, Hoffnung und Lebensmut bis zuletzt zu geben, betonte der bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich bei der Eröffnung. Nicht nur körperliche und seelische Schmerzen müssten gelindert werden, sondern oft auch "verwundete soziale Beziehungen".


