Kirchenchor rockt im Knast
Kirchenchor rockt im Knast
Evangelischer Jugendchor singt in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim (Korrespondentenbericht) (mit Bild)
Von Katja Hees
Bedeutungsvolle Momente erwachsen oft dem Zufall. Harald Höschler, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Bruckmühl bei Rosenheim, hätte sich vor elf Jahren nicht träumen lassen, dass er einmal zusammen mit fast 50 Jugendlichen im Gefängnis Musik machen würde. Jetzt steht der 53-Jährige mit seinem Jugendchor in der Kirche der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, im Münchner Osten, checkt ein letztes mal den Sound, bevor sich um 13 Uhr 20 die Kirchentür öffnet: Eine erste Gruppe von 30, 40 Männern in grauen Sweat-Shirts und blauen Hosen kommt herein, reiht sich in die Kirchenbänke, beaufsichtigt von Justizvollzugsbeamten. Aus fünf Gebäuden werden Inhaftierte in die Kirche geführt - das dauert.
Die JVA Stadelheim ist eines der größten Gefängnisse Deutschlands. Rund 1.500 Haftplätze gibt es hier, die meisten Männer sitzen in Untersuchungshaft. Sie gilt - trotz der Unschuldsvermutung - als besonders hart: 23 Stunden täglich sind die Häftlinge in ihren Zellen eingesperrt; arbeiten und telefonieren dürfen sie nicht. So will man sicherstellen, dass während der laufenden Ermittlung keine Beweismittel vernichtet oder Zeugen beeinflusst werden. "Die Inhaftierten sind von der Außenwelt total abgeschnitten, das treibt sie manchmal zum Wahnsinn", sagt Gabriele Pace-Holzer, eine der drei evangelischen Seelsorger der JVA.
Um 13 Uhr 30 stehen die knapp 50 Jugendlichen des Bruckmühler Chors ihrem Publikum gegenüber. 15 Jahre alt sind die Musiker im Schnitt, drei Viertel von ihnen Mädchen. Dirigentin Angelika Höschler (23) tritt vor, dann flutet ein satter Sound das Kirchenschiff, schlagartig ist klar: Dieser Chor hat nichts mit herkömmlicher Kirchenmusik zu tun. Harald Höschler lässt seine E-Gitarre aufheulen, der Songtext ist englisch, Synthesizer-Beat hämmert aus den Boxen. Ganze Reihen Inhaftierter lehnen sich vor und starren: Viele haben schon monatelang kein Mädchen mehr gesehen. Ein Türke stößt seinen Nebensitzer an, lacht, wippt den Kopf im Takt, spielt mit imaginären Sticks auf einem Schlagzeug aus Luft. Einem anderen laufen die Tränen übers Gesicht. Und nach dem ersten Song: Tosender Applaus, Pfiffe, Bravo-Rufe. Die Kirche rockt! Und Höschler grinst, winkt, genießt die Atmosphäre.
Das Gitarrespielen brachte sich der Pfarrer selbst bei, als auf einer Skifreizeit der Schnee fehlte. Auch der Chor verdankt seine Existenz Höschlers unkomplizierter Art: Während eines Gottesdienstes vor elf Jahren stellte er eine Hand voll ehemaliger Konfirmanden aus Jux als "unseren neuen Jugendchor" vor. Inzwischen ist dieser Chor auf 70 Musiker angewachsen, hat vier CDs veröffentlicht, ist etwa 200 Mal im In- und Ausland aufgetreten - meist jedoch während der Gottesdienste der eigenen Gemeinde.
Manche Sänger seien erst seit 14 Tagen dabei, andere - das sagt Höschler hinter vorgehaltener Hand - träfen nur jeden zweiten Ton. Trotzdem dürfen sie auf Konzerten mitsingen: "Das ist wichtig für die Persönlichkeitsbildung." Die Fluktuation im Chor ist hoch - nur noch wenige sind seit Anfang an dabei, doch für Höschler ist es der fünfte Auftritt mit seinem Chor in der JVA.
Auch die Seelsorger empfinden die Konzerte als etwas Besonderes: Ihr Arbeitsalltag besteht sonst vor allem aus Einzelgesprächen. "Viele Häftlinge sind auf der Suche nach dem Grund, warum sie delinquent geworden sind", sagt Gabriele Pace-Holzer. "Vergibt mir Gott?", "Wie wird die Verhandlung laufen?" - von solchen Fragen berichtet ihr Kollege Edgar Krasser, Diakon und seit 17 Jahren Seelsorger in Stadelheim. "Manche kommen auch, weil sie Zigaretten, Kaffee oder Zeitschriften brauchen", sagt er. Dafür hat er ein eigenes Budget, mit dem er besonders Bedürftigen helfen kann. Das Konzert ist Teil des Kulturprogramms, das die evangelischen und katholischen Seelsorger und ein Lehrer der JVA organisieren. "Uns ist wichtig, dass Leben von außen reinkommt, damit die Inhaftierten nicht vollständig der Anstalt erliegen", sagt Krasser.
Mit Songs wie "Hymn" von Barclay James Harvest, "Herr der Ewigkeit" zur Melodie von "Wind of change" und einem rockigen "Kyrie" hat der Chor mehr als eine Stunde gesungen. Die meisten Zuhörer sitzen jetzt entspannt in den Kirchenbänken. Für Simon, 18, und Jessica, 15, war es heute der erste Auftritt in der JVA: "Am Anfang war es komisch", sagt Jessica, "ich habe mich immer gefragt, was sie wohl verbrochen haben und wie sie sich jetzt fühlen." Simon sagt einfach: "Ich glaube, dass es ihnen gefallen hat."
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