Die verstörende moderne jüdische Architektur

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die verstörende moderne jüdische Architektur

Ausstellung "Yibaneh" im Münchner Stadtmuseum

Von Heinz Brockert (epd)

Noch ein Jahr ist es hin, bis die Synagoge des neuen Jüdischen Zentrums in der Münchner Innenstadt am 9. November 2006, 68 Jahre nach der Pogromnacht von 1938, eröffnet wird. Für 2007 ist die Eröffnung des Kultur- und Gemeindezentrums sowie des Jüdischen Museums geplant. Wenige Schritte vom Münchner Rathaus entfernt, soll "kein Mahnmal, sondern ein Begegnungszentrum" entstehen, wie jüngst beim Richtfest betont wurde. Es soll an die Zeit vor der Vernichtung jüdischer Kultur im Nationalsozialismus angeknüpft und jüdisches Leben wieder sichtbar gemacht werden. Was das heißt und welche Chancen sich bieten, ist schon jetzt in einer Ausstellung "Yibaneh - Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur" im Münchner Stadtmuseum, dem Nachbarn des Jüdischen Zentrums, zu sehen.

In der Ausstellung, die bis 5. Februar 2006 zu sehen ist, werden Bilder und Modelle exemplarischer Bauten jüdischen Lebens und jüdischer Geschichte im Nahen Osten, Europa und in den USA gezeigt. Das reicht von einer zeichnerischen Rekonstruktion des Tempels in Jerusalem bis zu avantgardistischen Bauten von Daniel Libeskind, Frank O. Gehry und Mario Botta. Yibaneh ist hebräisch und bedeutet: "Es wird gebaut". Heutige Synagogen, jüdische Museen, Kulturzentren und Schulen sind zum Teil in einer provozierenden oder gar verstörenden Architektur gebaut worden, ein Reflex auf die Leidensgeschichte des Judentums im letzten Jahrhundert.

"Die Selbstverständlichkeit, mit der Auftraggeber und Architekten in den vergangenen Jahren mit spannenden und wegweisenden Bauprojekten an die Öffentlichkeit traten, zeugt aber auch von einem neuen jüdischen Selbstbewusstsein", beschreibt das Stadtmuseum die Ausstellung. "Nicht nur die Architektur als solche ist auffallend, vielfach erhalten die Projekte durch einen prominenten Standort eine noch stärkere Ausstrahlung."

Diese Welle der Erneuerung konnte in Deutschland erst zwei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen. Jüdische Gemeinden sind gewachsen und wieder vital geworden. Während jüdische Einrichtungen davor eher bescheiden und unauffällig waren, schuf das neu erblühende jüdische Leben die Basis für eine Reihe tonangebender architektonischer Projekte.

"Yibaneh" wird in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Historischen Museum Amsterdam gezeigt. Ein zweisprachiger Katalog zur Ausstellung (deutsch/englisch) ist im Prestel Verlag erschienen und kostet an der Museumskasse 29,95 EUR. Die Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.

(Artikel vom 07.11.2005)