Die "Sternsinger" ziehen von Haus zu Haus
Die "Sternsinger" ziehen von Haus zu Haus
Von Christian Feldmann (epd)
In den Tagen um Dreikönig (06.01.) ziehen die "Sternsinger" von Haus zu Haus, über verschneite Felder und durch stille Dörfer. Doch der romantische Brauch täuscht. Denn an Epiphanie ("Erscheinung des Herrn", wie das Fest im kirchlichen Kalender heißt) geht es gar nicht so sehr um den Auftritt der Könige (oder Weisen oder Sterndeuter, je nach Auslegung) aus dem Morgenland. Sie geben in den biblischen Erzählungen ja lediglich liebenswerte Randfiguren ab.
In den ersten christlichen Jahrhunderten war dieser Tag vielmehr das Weihnachtsdatum im Osten, und er ist dies auch heute noch in einigen orthodoxen Kirchen. Aber auch in den Westkirchen blieb die "Erscheinung des Herrn" als zweiter Höhepunkt der weihnachtlichen Festzeit erhalten. Die Christen feiern an diesem Tag den Aufgang des Lichtes, das keinen Untergang kennt, den Einzug des Gottkönigs in die Welt, das Offenbarwerden seiner Herrlichkeit. "Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes", freuen sie sich.
Von den weisen Männern, die dem menschgewordenen Gott im Stall von Betlehem ihre Verehrung erwiesen haben, weiß nur der Evangelist Matthäus - ohne Angaben über ihre Zahl oder ihre Herkunftsländer zu machen. Die spätere Tradition hat die Geschichte ausgeschmückt und die Weisen zu morgenländischen Königen befördert.
Nicht bloß als frommen Wunsch, sondern als wirkmächtige heilige Zeichen interpretierte man von Anfang an die vermeintlichen Initialen CMB der Männer mit den geheimnisvollen Namen Caspar ("Schatzträger"), Melchior ("König des Lichts") und Balthasar ("Gottesschutz"), die man mancherorts heute noch am Abend vor Epiphanie mit geweihter Kreide oben an die Türstöcke der Wohnungen und Ställe schreibt, damit nichts Böses über die Schwelle treten kann. Die Initialen können freilich auch als Abkürzung für die Schutzformel Christus mansionem benedicat ("Christus segne dieses Haus") gedeutet werden.
Wie ein Abbild des pilgernden Gottesvolkes stapfen sie durch das Land, die Sternsinger, in weiße Betttücher oder farbenprächtige Gewänder gekleidet, Kronen aus Goldpapier auf dem Kopf, voran der lange Stab mit dem goldenen Stern. Die Gruppe hat eine uralte Tradition. Sie erinnert an die mittelalterlichen Dreikönigsspiele: dramatische Darstellungen des weihnachtlichen Geschehens, die in Kirchen und Klöstern aufgeführt wurden, als es noch kaum Bücher und wenige des Lesens kundige Leute gab.
Heute hat der alte Brauch einen guten neuen Sinn erhalten. Es sind meist die katholischen Ministranten, die in der malerischen Tracht der Könige aus dem Orient von Haus zu Haus ziehen, Lieder singen, ein Segensgebet sprechen und dafür Geld bekommen, das in der Regel für Missions- und Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt verwendet wird. Es ist die weltweit größte Hilfsaktion von Kindern für Kinder.


