Bildungsnotstand 500 Jahre vor PISA

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Bildungsnotstand 500 Jahre vor PISA

Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Korrespondentenbericht)

Von Thomas Greif

Schon der ehrwürdige Kirchenvater Augustinus hatte Grund zu klagen: "In meinem Knabenalter liebte ich das Lernen nicht, und es verdross mich, dazu genötigt zu werden." Es sind dies die Begrüßungsworte der Ausstellung "Mit Milchbrei und Rute" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg an die Besucher. Sie erweisen, dass Klagen über Defizite in der Bildungspolitik nicht erst seit Veröffentlichung der PISA-Studie auf der Tagesordnung stehen. Im Mittelpunkt der Präsentation, die noch bis zum 5. März 2006 zu sehen ist, stehen pädagogische Bücher der Reformationszeit und ein spätgotisches Tafelgemälde mit bemerkenswerter Vergangenheit.

Diesem Bild, einer erst jüngst aufgetauchten Arbeit aus dem Kreis des anonymen, gleichwohl in Dürers Vätergeneration bedeutenden "Hausbuchmeisters", entstanden um 1480, verdankte Ausstellungskurator Daniel Hess die Inspiration zu der Ausstellung. Das Gemälde zeigt die Heilige Familie, am linken unteren Bildrand tummeln sich zwei Knaben mit Heiligenschein, die gerade das Alphabet erlernen.

Darin kommt eine familienpolitische Revolution zum Ausdruck, die sich um das Jahr 1500 in Deutschland abspielte: Nicht mehr die Vererbung von Besitz und Ämtern, sondern die Vermittlung von Bildung wird zur vorrangigen Aufgabe der Institution "Familie". Bilder der Zeit zeigen Jesu Verwandtschaft schreibend und lesend, mit dicken Folianten oder Federkielen in Händen - Zeichen einer vorbildhaften Gelehrsamkeit der Heiligen Sippe.

Die Bildungsliteratur jener Zeit macht den hohen Anspruch der Humanisten greifbar: Sie reicht vom lateinisch-deutschen Wörterbuch über musikalische Lehrwerke bis zu Hans Schönpergers "Tischzucht" von 1517, in der nachzulesen ist, wie unangemessen es sei, "ins Tischtuch zu rotzen". Adam Ries veröffentlichte in Wittenberg seine "Rechnung auff der Linien und Federn" und begründete damit seinen späteren Ruhm als Rechenmeister Deutschlands. Und wer das neu erworbene Lese- und Schreibvermögen auch gleich gegenüber dem eigenen Fürsten zur Anwendung bringen wollte, fand in Johann Froschauers "Formular vnd teutsch rethorica wie man briefen und reden soll" von 1501 auch gleich die genaue Anweisung zum Gebrauch der fälligen Anreden: "Euer Gnaden, bitt zu wissen..."

Dass didaktischer Elan auch eine Frage der Gene sein kann, zeigt ein kurioses Detail der kleinen Ausstellung, die in Kooperation mit mehreren pädagogischen Hochschulen in ganz Deutschland zustande kam: Neben einer Ausgabe von Johannes Widmanns "Behende und hübsche Rechnung", das den Leipziger Kaufleuten 1489 das Rechnen nahe brachte, findet sich Arbeitsmaterial aus dem Schülerkursus "Mathe 2000", veröffentlicht vom Dortmunder Mathematiker Erich Wittmann, dessen Stammbaum sich bis zu dem Leipziger Rechenmeister zurückführen lässt.

"Mit Milchbrei und Rute". Noch bis zum 6. März 2006 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Daniel Hess (Hg.): Mit Milchbrei und Rute. Familie, Schule und Bildung in der Reformationszeit. Nürnberg 2005, 119 Seiten, 12,50 Euro.

(Artikel vom 17.11.2005)