"Den Toten ihren Namen wiedergeben"

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

"Den Toten ihren Namen wiedergeben"

Die Arbeit des Umbettungsdienstes der Kriegsgräberfürsorge in Niederschlesien (Korrespondentenbericht) (Termin: Totensonntag)

Von Thomas A. Merk

"Heute ist kein guter Tag zum Ausbetten", sagt Norbert Spies (54) und deutet hinauf zum düster-grauen Himmel, aus dem ein nieselig-kalter Herbstregen niedergeht. Spies ist Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und steht in einem mehrere Quadratmeter großen und einen Meter tiefen Erdloch, in dem sich langsam das Regenwasser zu sammeln beginnt.

Das abgelegene, mit wildem Gestrüpp und Unkraut bewachsene Gelände, auf dem Spies und seine Leute vor ein paar Stunden ihre Arbeit aufgenommen haben, liegt neben einem noch nicht abgeernteten Maisfeld am Rand des kleinen niederschlesischen 800-Seelen-Dorfes Uciechow, 45 Kilometer südlich-westlich von Breslau. Ein paar umgestürzte, bis zur Unleserlichkeit verwitterte und von Schlingpflanzen überwucherte Grabsteine zeugen noch davon, dass hier vor 60 Jahren einmal ein liebevoll gepflegter Dorffriedhof gewesen sein muss.

Ein Hinweis aus der Bevölkerung habe ihn auf den aufgelassenen Dorffriedhof aufmerksam gemacht hat, erzählt Spies einer Reisegruppe des bayerischen Landesverbandes der Kriegsgräberfürsorge. Alte Leute in der Gemeinde haben sich daran erinnert, dass im Februar 1945, als rings um Breslau blutige Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee tobten, deutsche Soldaten hier in aller Eile gefallene Kameraden beigesetzt haben.

Sobald Spies wusste, wo er suchen musste, hatte er durch Sondierung rasch die genaue Lage der alten Soldatengräber ausfindig gemacht und einen Bagger angemietet, der vorsichtig die obersten Bodenschichten entfernt hat. Jetzt, wo das Loch etwa einen Meter tief ist, beginnt die Arbeit von Matti Milak und seinen beiden Helfern.

Der 35-jährige Milak ist eigentlich Leiter eines medizinischen Labors und hat vor einigen Jahren als Nebenberuf eine Firma zur Bergung gefallener Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut, die ausschließlich im Auftrag des Volksbunds tätig ist.

Sorgfältig darum bemüht, auch den kleinsten Gegenstand zu finden, graben Milak und seine Mitarbeiter nun nach und nach das Wenige aus, was von einem gefallenen Soldaten nach 60 Jahren unter der Erde noch übrig ist: Ein paar Uniformknöpfe, Fetzen einer Zeltbahn, lehmverkrustete Teile einer Gasmaske. Und Knochen, braun verfärbt und daher kaum vom sie umgebenden Erdreich zu unterscheiden: Fußknöchel, Oberschenkel, Elle und Speiche, ein Unterkiefer und schließlich die Trümmer eines Schädeldachs.

Es dauert eine Weile, bis die "Umbetter" den Gegenstand finden, der diesem Menschen möglicherweise seinen Namen zurückgeben kann: Ein unscheinbares, halbmondförmiges Stück Metall, von dem Milak ganz vorsichtig mit einem Messer den weißlichen Belag herunterkratzt. Es ist die Erkennungsmarke des Toten, auf der nur mit Mühe eine Reihe von Zahlen und Buchstaben zu erkennen ist. "5371,2.Schtz.E.B. ..." Der Rest der Bezeichnung fehlt, weil Bodensäuren im Laufe von sechs Jahrzehnten ein großes Stück des minderwertigen Aluminiums aus deutscher Kriegsproduktion weg gefressen haben.

Norbert Spies ist zuversichtlich, dass es trotz der unvollständigen Angaben möglich sein wird, den Toten zu identifizieren. Die Daten werden vom Volksbund an die Deutsche Dienststelle in Berlin weitergegeben, wo die Stammrollen sämtlicher Soldaten der ehemaligen Wehrmacht aufbewahrt werden.

An die 1.500 tote deutsche Soldaten holen Spies und Milak pro Jahr aus vergessenen Grablagen in Ober- und Niederschlesien - "und das in einem Gebiet, von dem es hieß, es gäbe hier keine Toten mehr", sagt Spies. In kleinen Pappsärgen werden sie - meistens im Frühherbst - auf einer der vom Volksbund neu angelegten Kriegsgräberstätten beigesetzt. Ein Interesse, diese Toten zu identifizieren, gibt es auch heute noch, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges: Über 50.000 Anfragen von Angehörigen, zunehmend aus der Enkelgeneration, von denen dank der Arbeit des Umbettungsdienstes immer mehr positiv beantwortet werden können.

(Artikel vom 18.11.2005)