Kirchliches Umdenken bei Suizid
Kirchliches Umdenken bei Suizid
AGUS-Gründerin sieht Gesinnungswandel bei Theologen (Korrespondentenbericht)
Von Bernd Mayer
Mit dem unbarmherzigen Urteil eines Treuchtlinger Gemeindepfarrers begann 1963 der quälende Selbstfindungsprozess einer jungen Witwe: Nach dem Suizidtod des Ehemannes bekam Emmy Meixner-Wülker eine geistliche Schuldzusprechung zu hören: Wer so etwas tut, den hat der Teufel am Kragen." Es dauerte dann noch 27 Jahre, bis die Betroffene - inzwischen in Bayreuth wieder verheiratet - die Mauer des Schweigens um Suizid durchbrach.
Mit einer Öffentlichkeitskampagne rief Meixner-Wülker 1990 die erste Selbsthilfegruppe in Deutschland ("Angehörige um Suizid/AGUS") ins Leben. Ihre Empfehlung an die Betroffenen: "Nichts verschleiern und vertuschen, sondern sich der Wahrheit stellen und darüber reden."
Zum 15-jährigen Bestehen konnte die AGUS-Gründerin und Ehrenvorsitzende auf eine beeindruckende Bilanz verweisen: In 35 Städten wird heute einfühlsame Hilfe in Selbsthilfegruppen angeboten, es bestehen Kontakte zu 2.500 Betroffenen. "Dabei hat vorher keiner gedacht, dass Angehörige von Suizidenten so etwas nötig haben", fügte die Initiatorin an.
Mit der Kirche ist Emmy Meixner-Wülker in früheren Jahren hart ins Gericht gegangen. Sie warf ihr seelsorgerliches Versagen vor: Der Umgang mit Suizidenten und ihren Angehörigen sei wahrlich kein Ruhmesblatt kirchlicher Zuwendung. Bis weit in die 80er Jahre hinein hätten die Pfarrer die Beerdigung von Suizidenten verweigern können. "Alte Klischees waren fest in Theologenköpfen verankert."
15 Jahre nach ihrer Initiative, die 1995 in eine Vereinsgründung mündete, brachte Meixner-Wülker ihre Freude über ein kirchliches Umdenken auf breiter Front zum Ausdruck. Heute würden sogar Kollekten für AGUS abgehalten. Drohungen mit Fegefeuer für "Selbstmörder", die einst das Leid der Angehörigen noch steigerten, seien kaum mehr zu hören. "Ich bedanke mich bei vielen aufgeschlossenen Kirchenleuten, die aktiv mitgeholfen haben, das Tabu Suizid zu durchbrechen."


