Der "Schwarze Sheriff" mit Katechismus und fränkischem Frohsinn
Der "Schwarze Sheriff" mit Katechismus und fränkischem Frohsinn
Günther Beckstein wäre der erste protestantische Ministerpräsident in Bayern
Von Gabriele Rettner-Halder (epd) =
Der Showdown des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber war bereits in vollem Gang, da saß Günther Beckstein gerade im Hubschrauber und flog ur Tagung der EU-Innenminister nach Dresden. Vergleichsweise einfach waren die Themen dort für Beckstein, die festen Grenzen Europas bei der Einwanderung sind für den bayerischen Innenminister fester Bestandteil seiner Politik. Als Beckstein tags darauf mit dem Helikopter in Wildbad Kreuth landete, ging es plötzlich um seine politische Existenz. Ganz anders, als der 63-Jährige vor Wochen zu träumen wagte, ist die Zukunft seiner Partei fortan noch mehr mit seinem Namen verknüpft.
Noch vor seiner Ankunft in Kreuth bekannte Beckstein, ratlos zu sein und mehr Fragen als Antworten zu haben. Dann kehrte sich die Lage innerhalb von Stunden um. Der sonst um Antworten nie verlegene CSU-Minister konnte das Bekenntnis ablegen, als Stoibers Nachfolger Ministerpräsident werden zu wollen. Beckstein wäre der erste protestantische Regierungschef in dem überwiegend katholisch geprägten Bayern.
Wenn es im Herbst zur Amtsübergabe kommt, hat der leutselige Franke Beckstein erreicht, was ein Jahr zuvor wie eine Seifenblase geplatzt war. Damals gab es ein Duell um die Stoiber-Nachfolge, der Gegenkandidat hieß Erwin Huber, Bayerns Wirtschaftsminister. Die beiden Rivalen mussten aber, noch bevor es zum Kampf kam, klein beigeben, da Stoiber das Amt eines Superministers im Bund ausschlug.
Ein gutes Jahr danach hat Stoiber zu Gunsten der CSU die Notbremse gezogen, um ein Hauen und Stechen mit vielen Verlierern zu verhindern. Sein loyaler und im Einstecken von Niederlagen erprobter Mitstreiter Beckstein muss nun beweisen, dass er als Nachfolger in der Lage ist, den beschädigten Dampfer in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Da wird ihm allein sein bundesweites Ansehen als zuverlässiger "schwarzer Sheriff" nicht reichen. Auf die CSU-Landtagsfraktion wird er freilich bauen können. Dort ist der praktizierende Christ als leutseliger Kollege beliebt, der keine Berührungsängste kennt. Nicht nur der ehemalige SPD-Bundesinnenminister Otto Schily wusste das zu schätzen, auch mit anderen Vertretern der Opposition pflegt Beckstein das Du. Bei kleinen Runden bricht häufig der fränkische Frohsinn in dem gelernten Rechtsanwalt Beckstein durch. Ein begeisterter Repräsentant fränkischen Humors ist Beckstein seit einigen Jahren bei der Faschings-Sitzung in Veitshöchheim, wo er schon mal als blondes Weibsbild oder als Einstein-Double für Lacher bei den Narren sorgte.
Becksteins politische Karriere begann 1974 als Landtagsabgeordneter. Der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß schickte ihn später als Oberbürgermeisterkandidat für die CSU in Nürnberg ins Rennen, Beckstein unterlag. Er gewöhnte sich an, die Politik als "Spiel" zu betrachten, "weil man nicht weiß, wie es ausgeht". Er ist mit einer Pädagogin verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Seit 1988, als Beckstein Innen-Staatssekretär an der Seite des damaligen Innenministers Stoibers wurde, gleicht sein Arbeitspensum dem des bekennenden Workaholics Stoiber. 1993 rückte Beckstein zum Innenminister auf, und die Putzkolonnen, die nachts dort unterwegs sind, haben sich schon gefragt, ob der Minister noch oder schon wieder da ist.
Seine Adresse am Odeonsplatz in München ist für die CSU immer ein wichtiges Aushängeschild gewesen. Selten zur Freude von Menschenrechtsorganisationen und mitunter im Streit mit der eigenen Kirche, die wegen Fällen von Kirchenasyl und restriktiver Abschiebemaßnahmen mit Beckstein aneinander geriet, jedoch meist im Gleichklang mit den Innenpolitikern in Deutschland, zeigte der Franke aus Bayern Steherqualitäten.
Seine Mitgliedschaft in der bayerischen Landessynode seit 1996 nimmt Beckstein ernst, den Kirchgang auch, Diskussionen geht er nicht aus dem Weg. Weshalb ihn der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich trotz gelegentlicher Dispute in ethischen Fragen als verlässlichen Gesprächspartner schätzt. Trotz seiner Verortung in der evangelischen Kirche schaut Beckstein auch über den religiösen Tellerrand hinaus. Beim katholischen Männerverein von Tuntenhausen empfahl sich Beckstein als Integrationsfigur. Nach dem 11. September war er einer der ersten, die Kontakte zu den Vertretern muslimischen Glaubens aufnahm.


