Gedenken für NS-Opfer darf nicht in Routine erstarren

Meldung lang | epd - Landesdienst Bayern

Gedenken für NS-Opfer darf nicht in Routine erstarren

Klinikchef: Tötung psychisch kranker Menschen muss weiter erforscht werden

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden zwischen 1939 und 1945 in Deutschland rund 180.000 psychisch kranke Menschen ermordet. Für eine weitere Erforschung und wissenschaftliche Aufarbeitung der "planmäßigen Tötungsaktion" hat sich der ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses in Kaufbeuren, Michael von Cranach, am Samstagabend bei einer Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Bayerischen Staatsbibliothek in München ausgesprochen. Die Gedenkfeier zählte zu den zahlreichen Veranstaltungen anlässlich des bundesweiten Holocaustdenktages am 27. Januar.

Allein in Bayern seien 20.000 psychisch Kranke im Rahmen der planmäßigen Tötungsaktion "T4" umgebracht worden. Die Mehrheit der dafür verantwortlichen Ärzte und Menschen sei jedoch "unbehelligt" geblieben und hätte auch nach dem Krieg in den Kliniken und Krankenhäusern weiter gearbeitet. Noch in den 1970er Jahren hätten sich viele Patienten und Pfleger, Schwestern und Ärzte an die Ereignisse erinnern können, berichtete von Cranach.

Die Tötungsmethoden seien unfassbar exakt und geplant gewesen. Adolf Hitler habe 1939 in einem Schreiben angewiesen, bei einer "kritischen Beurteilung des Krankheitszustandes" den "Gnadentod" zu "gewähren". Dann sei jeder Patient mit einem Meldebogen erfasst und von "Gutachtern" beurteilt worden. In sechs verschiedenen psychiatrischen Kliniken seien die Menschen dann systematisch vergast, zu Tode gespritzt oder mit einer speziellen "Hungerkost" umgebracht worden.

Auch nachdem die Aktion 1941 offiziell beendet wurde, hätten viele Krankenhäuser und Kliniken weitere Tötungsmaßnahmen betrieben. In extremen Fällen seien diese noch nach der Kapitulation im Mai 1945 worden. Es sei wichtig, die Schicksale der Opfer möglichst präzise zu rekonstruieren und ihnen ein individuelles Gesicht zu verleihen. Gleichwohl bleibe vieles "unfassbar" und vermittle ein Gefühl "tiefer existentieller Verunsicherung", so Klinikdirektor von Cranach.

Am 27. Januar wird bundesweit an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnert. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte dieses Datum 1996 zum nationalen Gedenktag erklärt.

(Artikel vom 28.01.2007)