Die Reise nach Jerusalem
Die Reise nach Jerusalem
Zum ersten Mal hielt ein Theologe eine Vorlesung in der KinderUni (Korrespondentenbericht)
Von Heinz Brockert
"Jetzt ist bald Weihnachten und da möchte ich wissen, wie das damals alles war", antwortet der zehnjährige Korbinian Seitz auf die Frage, warum er sich mit seinem Vater an einem kalten Abend auf den Weg in die Münchner Universität gemacht hat. In der Serie "KinderUni" hält der evangelische Professor für Altes Testament Eckart Otto eine Vorlesung zum Thema "Die Reise nach Jerusalem - Wieso ist für Christen, Juden und Moslems diese Stadt so wichtig?" - exklusiv für 8- bis 12-jährige. Die Eltern werden in den großen Hörsaal 101 im Uni-Hauptgebäude mit seinen aufsteigenden Sitzreihen nicht hinein gelassen.
Die rund 200 Buben und Mädchen kennen die akademischen Gewohnheiten recht gut. Professor Otto wird mit kräftigem Fausttrommeln auf den Tischen begrüßt. Viele der "Jung-Akademiker" haben schon etliche Vorlesungen besucht. Was 2002 in der traditionsreichen Universitätsstadt Tübingen begonnen hat, hat sich jetzt auch an den beiden Mammut-Universitäten in München etabliert. Sechs bis acht Mal pro Semester treten hochrangige Wissenschaftler vor ein Kinder-Auditorium, erläutern ihr Fach und beantworten Fragen, wie "Warum ist der Delfin kein Fisch? Was Säugetiere im Wasser verloren haben" (die Biologin Ute Harms) oder "Aber ich will! - Warum wir nicht alles dürfen, was wir wollen" (der Philosoph und ehemalige Bundes-Kultur-Staatssekretär Julia Nida-Rümelin).
Professor Otto (61) ist der erste Theologe in der KinderUni. Er hat sich nicht nur mit der Bibel beschäftigt, sondern Archäologie und Orientalistik studiert und in Israel, Syrien und im Libanon an historischen Stätten Ausgrabungen gemacht und alte orientalische Texte erforscht. Seine jungen Zuhörer bannt er mit Dias, Overhead-Projektor und Zeigestock und mit spannenden Geschichten aus der jüdischen, christlichen und muslimischen Überlieferung: Wie David einst die Stadt Jerusalem mit 30 Soldaten einnahm, indem er sich durch einen Wassertunnel einschlich, oder wie Mohammed auf einer goldenen Leiter vom Felsen in Jerusalem zu Allah aufstieg und die zentralen Lehren des Islam empfing. Seine Vorlesung beginnt er mit den Worten "Ich begrüße Euch so, wie es in der Uni üblich ist: Liebe Kommilitonen und Kommilitoninnen". Und der Gelehrte merkt später bei seinem temperamentvollen Vortrag gar nicht, dass er sein mucksmäuschenstilles Auditorium mal mit "Du" und mal mit "Sie" anspricht.
Dann dürfen Fragen gestellt werden. "Warum heißt die Klagemauer Klagemauer?", lautet eine. Und nach genau 45 Minuten ist, wie im Hochschulbetrieb üblich, die Vorlesung zu Ende. Wie andere Eltern nimmt Sibylle Polack aus München ihren Sohn und zwei seiner Freunde wieder in Empfang. Zum dritten Mal haben sie die KinderUni besucht und etwas wehmütig blickt die Mutter zurück: "Vor 25 Jahren habe ich hier auch studiert...
(Noch zwei Mal, am 13. und 27. Januar, öffnet die KinderUni in diesem Semester ihre Pforten. Im Sommer wird die Reihe an zwei kleineren Münchner Hochschulen fortgesetzt.)


