Das virtuelle Beratungszimmer im Internet

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Das virtuelle Beratungszimmer im Internet

Nürnberger Beratung nimmt an bundesweitem Online-Projekt teil (Korrespondentenbericht)

Von Florian Höhne

"Hier bist du richtig, wenn du Probleme mit deinen Eltern, deinen Freunden, der Schule oder aber mit dir selbst hast", lädt die Internetseite www.bke-jugendberatung.de ein. Geboten wird anonyme Hilfe von Fachleuten - online, via Email oder in Chat und Foren. Für Rat suchende Eltern gibt es parallel die Seite: www.bke-elternberatung.de. Die Mitarbeitenden der Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung (EB) der Nürnberger Stadtmission berichteten am Mittwoch in Nürnberg von ihren Erfahrungen mit dem bundesweiten Projekt.

"Ich ritze mich. Ich habe große Angst, kenne aber den Grund nicht" hat eine anonyme 14-Jährige an die Jugendberatung geschrieben. Per Zufall wurde sie dann an einen der deutschlandweit 100 Berater weitergeleitet - in diesem Fall an Bernd Grimmel, hauptamtlicher Berater bei der EB der Stadtmission. Fünf Stunden arbeitet der Diplompsychologe wöchentlich als Onlineberater für das Projekt der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE). Das Geld dafür kommt von den Bundesländern, die das Beratungsprojekt vor rund drei Jahren initiiert haben.

Das 14-jährige Mädchen kann innerhalb von 48 Stunden mit einer Antwort rechnen, garantiert das Projekt. Bernd Grimmel braucht gut zwei Stunden für eine Antwort. Dennoch sei in akuten Fällen immer noch die Telefonseelsorge die bessere Wahl, betont Frank Nie, Öffentlichkeitsreferent der Stadtmission: Unter 0800/1110111 und 0800/1110222 sitzen 24 Stunden am Tag Berater bereit, kostenlos und anonym.

"In den Antwort-Emails können wir Inhalte erfassen, Lösungspläne vorschlagen, zum Nachdenken anregen, Tipps geben oder auf andere Stellen verweisen", berichtet der virtuelle Berater Grimmel. Natürlich ersetzt der Online-Kontakt keine Therapie. Dafür ist es aber leichter, eine Email zu schreiben als zu einer Beratungsstelle hinzugehen. "Online Beratung bietet komplette Anonymität und ständigen Zugriff auf die Homepage", sagt Grimme. Außerdem würden sich die Jugendlichen im vertrauten Terrain "Internet" bewegen.

Nicht nur Jugendliche, auch Eltern nehmen das Internet-Angebot an. Allein im September dieses Jahres schrieben bundesweit 255 Eltern und 392 Jugendliche. Eine Mutter schrieb, weil sie sich sorgen um ihren aggressiven Sohn macht, der zu starken Wutausbrüchen neigt. Eine 15-jährige berichtete von der Angst, verrückt zu werden. Die Themen reichen von Selbstverletzungen, Liebe und Sexualität bei den Jugendlichen bis hin zu Schlafstörungen, Scheidungen, Hyperaktivität oder Schulproblemen auf der Elternseite. Mehrmaliges Mailen ist möglich - und wer einmal geschrieben hat, kommt wieder zu demselben Berater.

Sind alle Anliegen ernst gemeint? Die sichere Anonymität könnte ja Witzbolde und Spaßmacher auf den Plan locken. Tut sie aber nicht, versichert Berater Grimmel. Und selbst wenn, gelte der Grundsatz, jede Frage ernst zu nehmen und auf jede Frage einzugehen.

Neben der Einzelberatung via Email bieten sowohl die Eltern- als auch die Jugendseite Themenforen und Gruppenchats. In den angekündigten Themen-Chats können sich die Teilnehmer gegenseitig beraten - eine virtuelle Selbsthilfegruppe sozusagen. Der Umgang in Email und Chat sei sehr höflich, betont Grimmel: "Wir kriegen viel positive Rückmeldung, die Leute bedanken sich."

(Artikel vom 14.12.2005)