Geburt der Massenmedien

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Geburt der Massenmedien

Ausstellung in Nürnberg zeigt Anfänge der europäischen Druckgrafik (Korrespondentenbericht) (mit Bild)

Von Thomas Greif

Der Heilige Hieronymus sitzt im Studierzimmer. Gerade zieht er dem Löwen einen Dorn aus der Pfote. Am interessantesten aber ist die handschriftliche Notiz über dem Metallschnitt von 1470: "Wenn jemand von einem Dämon besessen ist, so wird das heilige Bild, sobald es gezeigt wird, den Dämon vertreiben."

Kein Wunder also, dass den Menschen des 15. Jahrhunderts daran gelegen war, derlei Abbildungen zu besitzen. Die technischen Möglichkeiten des ursprünglich aus Asien stammenden Holzschnittes waren in Europa zum Tiefdruckverfahren weiterentwickelt worden. Eine hochkarätige Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, die am Mittwoch eröffnet wurde, zeigt "Die Anfänge der europäischen Druckgrafik".

Der Holzschnitt war das früheste Massenmedium des Kontinents. Seit dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts bedienten die Drucke, meist in Auflagen von einigen hundert Exemplaren, die bevorzugt religiösen Bedürfnisse des Publikums.

Welche Körperhaltung nehme ich zum Gebet ein? Wann ist in drei Jahren Ostern? Wie schütze ich mich vor plötzlichem Tod? In derlei existenziellen Fragen halfen die meist farbigen Bilder, die in Auflagen von einigen hundert Exemplaren hergestellt und in Bücher eingeklebt oder an Möbeln befestigt wurden.

Bevorzugte Motive waren neben Christus und Maria populäre Heilige wie Christophorus oder Georg. Eine Darstellung der Heiligen Familie aus der Zeit um 1430 gilt als eine der ältesten des Genres überhaupt. Gut eine Generation später verschenkte man im Rheinischen Bilder mit der Inschrift "vil god jar und e lange lebin" - die Neujahrsgrußkarte war geboren.

Überhaupt entdeckten die Grafiker im Laufe der Zeit die schier unendlichen Möglichkeiten des neuen Mediums. Holzschnittbilder verspotteten nun Kaiser und Papst, informierten im "kalendarium idioticum", wie man einen Menschen am vernünftigsten zur Ader lasse oder gaben heiratswilligen Paaren Starthilfe, wie der künftige Hausrat zu bestücken sei.

"Die Nähe zur modernen Bildpublizistik ist unübersehbar", erklärte Ausstellungskurator Rainer Schoch. Gerade weil die frühen Bilderzeugnisse Alltagsgegenstände waren, sind nur sehr wenige von ihnen überliefert. Zu den weltweit bedeutendsten Sammlungen früher Druckgrafik gehört neben der des Germanischen Nationalmuseums jene der National Gallery of Art in Washington, was eine Kooperation beider Häuser nahe legte. Rund zwei Drittel der 106 Exponate der Schau stammen aus den Magazinen in Nürnberg und Washington. Dort haben im Herbst bereits rund 35.000 Besucher die Ausstellung gesehen. In Nürnberg ist sie bis zum 19. März 2006 geöffnet.

"Die Anfänge der europäischen Druckgrafik - Holzschnitte des 15. Jahrhunderts und ihr Gebrauch", bis 19. März 2006 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr. Zur Ausstellung ist ein reich bebildeter Katalog erschienen (371 Seiten, 39,80 Euro).

Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b051720.

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(Artikel vom 14.12.2005)