KZ-Gedenkstätte Dachau bekommt "weltweites Interesse"

Interview | epd - Landesdienst Bayern

KZ-Gedenkstätte Dachau bekommt "weltweites Interesse"

Barbara Distel leitet seit 30 Jahren die Gedenkstätte (Interview)

Die KZ Gedenkstätte in Dachau besuchen jährlich rund 800.000 Menschen aus insgesamt 160 Ländern. Die gelernte Bibliothekarin Barbara Distel leitet seit fast 30 Jahren die KZ-Gedenkstätte Dachau. epd-Redakteur Heinz Brockert sprach mit ihr über Erinnern und Gedenken im Nachkriegsdeutschland.

epd: Was kann Gedenkstättenarbeit heute leisten?

Distel: Mit dem größeren Zeitabstand zur dunklen Vergangenheit werden die Gedenkstätten immer mehr zu allgemeinen Lernorten. Menschen kommen hierher, weil Dachau und die anderen KZ-Gedenkstätten authentische Orte sind: Hier sind die Verbrechen begangen worden. Hier wurden die grundlegenden Werte des menschlichen Miteinanders mit Füßen getreten. Gerade junge Menschen kommen hierher. Und dies gilt es, in der politischen und historischen Bildung zu nutzen.

epd: Was für Besucher kommen in die Gedenkstätte Dachau?

Distel: Es kommen Besucher aus fast 160 Ländern zu uns mit sehr unterschiedlichen Prägungen und Erwartungen. Was sie mitnehmen, hängt auch davon ab, ob sie sich vorbereitet haben, ob sie sich danach mit diesem Thema weiter auseinandersetzen und von vielem anderen mehr. Allerdings ist ein wesentliches Moment für die Gedenkstättenarbeit, dass unsere Besucher nicht zwangsweise hierher gekarrt werden, sondern freiwillig kommen. Darauf kann man aufbauen. Allerdings sind wir für den Ansturm, den die Gedenkstätte erlebt, immer noch nicht gut genug ausgerüstet. Wir brauchen dringend weitere Mitarbeiter, vor allem für die pädagogische Arbeit.

epd: Ist der Blick der Besucher stark rückwärts gewandt oder gilt er auch Menschenrechtsverletzungen in der heutigen Welt?

Distel: Ganz sicher. Es kommt sofort der Vergleich: Was ist denn heute los? Wie schneiden wir in unserem Land, in unserer Region, in unserem Alltag im Vergleich zu den Verhältnisse in Nazi-Deutschland ab.

epd: Die Arbeit der Gedenkstätten ist lange Zeit nicht von allen politischen Parteien gleichermaßen unterstützt worden. Hat sich das geändert?

Distel: Ich würde das nicht auf politische Parteien beziehen. Die gesamte Öffentlichkeit in der Bundesrepublik hat sich lange Zeit sehr schwer mit den Orten der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen getan. Da ist ein Wandel eingetreten. Es hat eine Versachlichung Platz gegriffen. Es gibt ein starkes Interessse in der Öffentlichkeit, in den Medien und in den Schulen, die Arbeit der KZ-Gedenkstätten in die Erinnerung mit einzubeziehen und darüber zu berichten, was hier geschah.

epd: Hat es bei Ihnen in der langen Zeit der Arbeit an einem solchen Gedenk- und Lernort auch eine innere Entwicklung gegeben?

Distel: Ja, selbstverständlich. Am Anfang war die Arbeit ganz stark vom Kontakt mit den KZ-Überlebenden im Raum München geprägt. Viele leben heute nicht mehr, und das ist ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Aber es sind neue Fragen, neue historische und politische Themenstellungen aufgetaucht. Zu Beginn der Arbeit galt die Aufmerksamkeit dem Hauptlager in Dachau, erst später wurde die Geschichte der vielen Außenlager des KZ aufgearbeitet und dokumentiert. Es gab auch Opfergruppen, die nicht wahrgenommen wurden: Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und andere. Auch das hat sich geändert. Einige nationale Opfergruppen sind erst nach der europäischen Wende so richtig in den Blick genommen worden. Dazu gehört die zweitgrößte Opfergruppe in Dachau, Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Da findet inzwischen ein sehr reger Austausch statt. Wir konnten auch vielen von ihnen helfen, ihre Ansprüche nach den Entschädigungsgesetzen geltend zu machen.

(Artikel vom 26.04.2005)