Das Wort zum Karfreitag

Geistliches Wort | epd - Landesdienst Bayern

Das Wort zum Karfreitag

Wie nah Trauer und Freude beieinander liegen (Sendewiederholung)

Von Oberkirchenrat Hans-Martin Weiss

Rosa Luxemburg, die sozialistische Revolutionärin, hat sich einmal darüber Gedanken gemacht, wovon sie in der Karwoche stärker bewegt ist: Vom Anhören der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach oder vom Osterputz der Frauen in einem Berliner Arbeiterviertel.

Diese Überlegung fasziniert mich. Zum einen ist sie für mich einmal mehr ein Beweis dafür, dass auch Menschen, die keine Christen sind, vom Leiden Christi bewegt und getroffen sein können. Mir ist dadurch belegt: die zentralen Geschichten unseres christlichen Glaubens sind Geschichten für die ganze Menschheit.

Zum andern spüre ich hier das Nebeneinander der Gefühle in der Karwoche: das Nacherleben von schlimmem Leid und die Freude am fröhlichen Leben. Selbst wenn solche Erlebnisse von vielen Menschen von Christus abgelöst werden, selbst wenn für viele daraus eine Dramaturgie geworden ist, die sich verselbstständigt hat, diese Dramaturgie hat ihre Wurzeln in der Geschichte, die Christen vom Leiden und vom Auferstehen Jesus Christi weitererzählen. Für Christen und für Nichtchristen ist es gut, wenn diese Tradition des Erzählens und des Nacherlebens intensiv gepflegt und gestaltet wird.

Binnen drei Tagen kann man erleben, wie nahe Trauer und Freude beieinander liegen, kann man mit tiefer Trauer in den Abgrund des Todes schauen, kann man mit großer Freude sich denen anschließen, die sagen: "Der Tod hat nicht das letzte Wort, der Tod ist überwunden." Ich habe den Hinweis gehört, dass wir in einer Zeit leben, in der große Gefühle und Erlebnisse verbraucht sind. Dem kann man in der Karwoche etwas entgegensetzen.

Im Gottesdienst und den Passionskonzerten an Karfreitag kann man tief eintauchen in die Verlassenheit, die jeden Menschen im Tod ereilen kann. Schrecken und Entsetzen können einen da ergreifen. In der Vorfreude des Karsamstags, der ja eigentlich der Tag der Grabesruhe ist, kann schon das ungeduldige Drängen heraus aus dem Tod hinein in das neue Leben spürbar werden. In den Feiern der Osternacht und des Osterfestes kann sich dieser Lebenswille dann kräftig Bahn schaffen. Menschen können herausgerissen werden aus Antriebslosigkeit, Depressionen und chronischer Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Alle, welche diese Tage gestalten: die Musiker, welche die großen Passionen spielen, die Pfarrerinnen, Pfarrer, Musiker, Lektoren und Mesner, welche die Ostergottesdienste gestalten, haben die schöne Möglichkeit, ihren Mitmenschen zu helfen große, tiefe und den Lebensmut stärkende Gefühle zu empfinden. Welch schöne Aufgabe!

Oberkirchenrat Hans-Martin Weiss ist

Regionalbischof im Kirchenkreis Regensburg

(Artikel vom 14.03.2005)