Die Ehrfurcht vor dem Buche

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Die Ehrfurcht vor dem Buche

Karl Heckel und seine ungewöhnliche Gesangbuchsammlung

Von Thomas Greif (epd) =

Bei "Kunst und Krempel" im Bayerischen Fernsehen könnte Karl Heckel glatt eine Sondersendung alleine bestreiten. Über die Gesangbuchsammlung des 76-jährigen Ruhestandspfarrers aus Heroldsberg bei Nürnberg würden Fachleute wahrscheinlich Bauklötze staunen. Gefragt wäre allerdings eher ihre Preisschätzung - die Expertisen kann Heckel gleich mitliefern.

"Man sammelt viel auf im Leben", sagt Heckel nüchtern. Wie viele Geldscheine er im Laufe seines Jäger- und Sammler-Daseins in Antiquariaten oder auf Trödelmärkten gelassen hat, manchmal unter bedenklichem Stirnrunzeln seiner Frau Johanna, lässt sich kaum beziffern. Die Summe wäre auch trügerisch: Denn nur ausgewiesene Liebhaber sind bereit, für Bücher wie die "Seelen-Harpffe / Neu vermehrtes Hohenlohisches Gesang-Buch", 1722 herausgegeben vom Hochgräflich Hohenlohischen Superintendenten, Consistorialrat und Stiftsprediger Johann Lorenz Jan, den Betrag hinzulegen, den Experten dafür taxieren.

Die "Buchrucker-Steinmetz-Heckel'sche Gesangbuchsammlung", wie Karl Heckel die 65 Bände, Stolz und Herzstück der Bibliothek, ganz formalkorrekt benannt hat, eröffnet ebenso einen Blick in die bayerische Kirchengeschichte wie in die Familien- und Lebensgeschichte ihres Besitzers. Den Grundstock legte zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein fränkischer Pfarrer mit dem sinnigen Namen Johann Nikolaus Buchrucker, Stammvater einer bayerischen Theologendynastie.

Prominentester Kopf in der Ahnenreihe war Christian Friedrich Buchrucker (1754 - 1824), der zu den Schlüsselfiguren der lutherischen Erweckungsbewegung in Bayern gehörte. Der Sammelfreude der Buchruckers entstammt etwa das älteste Stück im Heckel'schen Gesangbuchschrank, ein Nürnbergisches Gesangbuch von 1660. Über Traude Steinmetz, die letzte Erbin der Buchrucker'schen Sammlung, gelangten die Bände vor Jahren aus alter familiärer Verbundenheit zu dem Heroldsberger Ruheständler.

Der hatte bis dahin schon fleißig einen eigenen Gesangbuchbestand zusammengetragen. Darunter zum Beispiel das Konfirmationsgesangbuch der Großmutter aus dem Ansbachischen von 1874, das damals 74 Pfennig kostete und einen handschriftlichen Patenvermerk trägt: "Gott Segne Dich, gute Marie." Heckels Vater Theodor bekam es aus Anlass eines evangelischen Verlagsjubiläums 1936 geschenkt.

Ein "Evangelisches Gesangbuch für Elsaß-Lothringen" von 1907 verweist auf eine Ahnenlinie, die von Heroldsberg nach Rappoltsweiler (heute Ribeauvillé) reicht; Gesangbücher aus Württemberg, der Schweiz und Bayern skizzieren Heckels eigenen Lebensweg nach. In Reutlingen hielt er Bibelstunden mit der Witwe des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel, in Zürich übernahm er 1975 das schwierige Amt des Evangelisch-Lutherischen Pfarrers. In Augsburg und Heroldsberg war er Gemeindepfarrer, bevor er vor seinem Ruhestand noch einige Jahre an der Orgelinventarisierung der bayerischen Landeskirche arbeitete.

Ein einziges Mal in seinem Leben hat Karl Heckel seine Ehrfurcht vor dem Buch über Bord geworfen. Es war 1981, als in München der renommierte Leiter des Münchner Bach-Chores, Karl Richter, starb. Die Beisetzung in Zürich hielt auf Bitten der Witwe der lutherische Stadtpfarrer, und das war damals Heckel. Mit einer Ausgabe der Bach'schen Motetten stand er am Grabe Richters. Und tat etwas höchst ungewöhnliches: "Ich habe mir gedacht, ich opfere dieses Buch und werfe es in das Grab hinab als sichtbares Zeichen, dass einer der Letzten, die Bach verstanden und dargestellt haben, davon gegangen ist." Heute sind seine Gesangbücher jedoch vor einem solchen Schicksal sicher.

Foto per ISDN oder E-Mail abrufbar bei epd-bild (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b070210.

(Artikel vom 16.02.2007)