Das Wort zum Erntedankfest

Geistliches Wort | epd - Landesdienst Bayern

Das Wort zum Erntedankfest

Gesellschaft lebt vom Zeichen des Miteinander

Von Hans-Martin Weiss

In vielen evangelischen Gemeinden in Bayern wird der Erntedanksonntag mit Hingabe gefeiert. Die Bauern im Knoblauchsland zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen legen Gemüse an den Altar ihrer Kirchen, im Donaumoos zwischen Ingolstadt, Neuburg/Donau und Schrobenhausen schmücken kräftig gefüllte Kartoffelkörbe den Altarraum. Jede der vielen verschiedenen Agrarregionen in Bayern wird an diesem Tag ein schönes Brauchtum entfalten, Gott zum Dank, den Menschen zur Freude.

Der Erntedanktag ist nicht nur in agrarisch geprägten Regionen zu einem der wichtigsten Feiertage im Lauf des Kirchenjahres geworden. Der Kirchenbesuch ist hoch. Besonders zu den vielen Familiengottesdiensten strömen die Menschen zusammen. Viele machen sich große Mühe, fröhlich und anschaulich Gottes Schöpfung zu beschreiben, Gott zu danken, dass Menschen darin finden, was sie zum Leben brauchen.

In der Münchner Gemeinde, in der ich lange Jahre Pfarrer war, ist es an diesem Tag üblich, möglichst viele Blumensträuße zu sammeln. Nach dem Gottesdienst werden sie zusammen mit Grußkarten verteilt, die bei älteren Gemeindegliedern vorbei gebracht werden, die nicht oder kaum zur Kirche kommen können. Die freuen sich meist riesig über diesen Gruß ihrer Gemeinde.

Eine Geste der Verbundenheit! An einem meist so schönen und fröhlichen Tag wie dem Erntedanktag sind dafür viele Herzen offen. Der Eine ist dankbar für die Freude, die er empfängt, den Anderen beglückt es, einem Menschen Freude schenken zu können. Unsere Gesellschaft lebt auch von solchen Zeichen des Miteinanders. An ihnen wird sichtbar, dass viele Menschen bei uns bereit sind, füreinander da zu sein. Der Erntedanktag ist eine gute Gelegenheit, sich im Miteinander zu üben, zu spüren, es geht miteinander, es ist gut miteinander.

Die politisch Verantwortlichen in unserer Gesellschaft haben zur Zeit besonders viel Grund, sich im Miteinander zu üben, nicht nur zu prüfen, ob es miteinander geht, sondern auch daran zu arbeiten, dass ein gemeinsamer Weg zwischen Politikern unterschiedlicher Grundorientierung gefunden wird.

Es wäre heuer ein zweiter Erntedanktag angebracht, würde bald eine Regierung gebildet werden, von der man erhoffen kann, dass sie entschieden, sachgerecht und menschlich für das Wohl aller Menschen eintritt, für die sie verantwortlich ist. Bis zum 2. Oktober wird sie wahrscheinlich noch nicht gefunden sein, aber hoffentlich bald danach. Dafür kann man am Erntedanktag kräftig beten.

Oberkirchenrat Dr. Hans-Martin Weiss ist

Regionalbischof im Kirchenkreis Regensburg

(Artikel vom 26.09.2005)