Geheimnis eines 72 Jahre alten Freskos

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Geheimnis eines 72 Jahre alten Freskos

Evangelische Kirche Grünwald beherbergt kunsthistorischen Schatz

Von Susanne Petersen

Schon über 70 Jahren ziert eine Darstellung der Bergpredigt die Apsis der evangelischen Thomaskirche im Münchner Villenvorort Grünwald: Jesus auf einem Felsen, die Arme segnend ausgebreitet, umgeben von seinen Jüngern und einer Menschenmenge. Doch anlässlich des - vermeintlich - 70. Geburtstags des Kunstwerks von Reinhold Max Eichler stolperten Pfarrer Christian Stalter und die Kunsthistorikerin Martina Müllner im Sommer 2006 über einige Merkwürdigkeiten.

Bislang waren die Grünwalder davon ausgegangen, dass der Künstler das Fresko 1936 angefertigt hatte. Am Rand des Gemäldes entdeckte Martina Müllner jedoch eine Signatur und die Jahreszahl 1935. Pfarrer Stalter fand einen Artikel im "Isarboten", dem damaligen "Amtsblatt der Gemeinde Grünwald", der von der Übergabe des Freskos am 25. Juni 1936 berichtete. Allerdings meldete die Zeitung schon im Herbst 1935, dass die evangelische Kirche "wegen Anfertigung eines Altargemäldes" bis November geschlossen sei.

Stalter und Müllner wurden stutzig. Warum hatte die Gemeinde, die noch 1932 den Bau der Kirche mit großem Festzug gefeiert hatte, sieben Monate gewartet, bis sie das raumprägende Fresko einweihte? Und warum gab es keine öffentliche Feier? "Eine Zeitzeugin, damals zehn Jahre alt, hat berichtet, dass bei der Übergabe nur eine Hand voll Gemeindeglieder anwesend waren, um den Künstler zu hören", sagt Stalter. Danach seien alle stillschweigend auseinander gegangen.

Die Gemeindechronik gibt dazu wenig her. Stalter ist auf Mutmaßungen angewiesen. Er glaubt, dass das Motiv des Freskos, die Bergpredigt, 1936 bereits zu viel politischen Sprengstoff besaß, um damit selbstbewusst an die Öffentlichkeit zu treten. "Selig sind die Gewaltlosen, selig sind die Barmherzigen - das wäre für die Nazis ein Affront gewesen", so der Pfarrer. Vielleicht wollten die Grünwalder Lutheraner kein Risiko eingehen - immerhin wohnten in der Nachbarschaft einflussreiche Gauleiter.

Nicht nur das Bildmotiv, auch der Künstler Reinhold Max Eichler wäre den Machthabern vermutlich suspekt gewesen. 1872 geboren, hatte der Absolvent der Akademie der Bildenden Künste in München 1900 mit Kommilitonen die Gruppe "Die Scholle" gegründet, die Richtungen wie Jugendstil und Impressionismus voranbrachte. 1911 löste sich die Gruppe auf, hatte prominente Nachfolger inspiriert: Franz Marc, Mitglied des von den Nationalsozialisten verfolgten "Blauen Reiters", schrieb: "Wir wollen die neue Scholle sein!"

Die Mitglieder der "Scholle" verstreuten sich in alle Winde. Leo Putz floh vor den Nazis nach Südtirol. Fritz Erler ließ sich vom Regime vereinnahmen und produzierte Propaganda-Kunst. Reinhold Eichler, über den nicht viel bekannt ist, wurde offenbar weder verfolgt noch instrumentalisiert. Er lebte während des Zweiten Weltkriegs in München und starb 1947.

Eichler malte vor allem Naturdarstellungen und Allegorien. Noch in den 1920er-Jahren kauften die Bayerische Staatsgemäldesammlung und Berliner Museen seine Bilder. Sein Fresko in der Thomaskirche ist jedoch in der Kunstszene völlig unbekannt. Bei ihren Recherchen stellte Kunsthistorikerin Müllner fest, dass keins der einschlägigen Kunstarchive und -lexika Eichlers "Bergpredigt" aufführt. Dabei ist es das einzige religiöse Werk des Kunstprofessors.

Umso mehr erstaunt die komplexe Darstellung der Bergpredigt. "Eichler muss jemanden gehabt haben, der ihn beraten hat", sagt Pfarrer Stalter. Auf der linken Seite des Freskos sammelt sich das Volk. Verschiedene Szenen legen Assoziationen zu biblischen Geschichten nahe: Eine Krankengruppe erinnert an Lazarus, ein Junge in einem Baum an den Zöllner Zacharias. Als einzigen Jünger hat der Maler Judas auf die Seite des Volkes gestellt. Trotzdem finden sich auf der rechten Fresko-Seite zwölf Figuren: Maria Magdalena - mit grünem Kleid und rotem Haar, in der damaligen Kunst die Insignien einer Prostituierten - macht die Jüngerschar komplett. Was der genaue Grund für die Heimlichkeiten der Grünwalder Protestanten war, wird sich wohl nicht mehr eindeutig klären lassen. Klar ist aber, dass in der Thomaskirche ein kunstgeschichtlicher Schatz seinen Schleier gelüftet hat.

Am Dienstag, 20. März, erläutert Martina Müllner das Fresko von Reinhold Max Eichler. Beginn: 19 Uhr in der Thomaskirche, Ludwig-Thoma-Platz 5, Grünwald.

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(Artikel vom 16.03.2007)