Kämpferische Post an die Mächtigen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Kämpferische Post an die Mächtigen

Offene Briefe von Emile Zola bis Ulrike Meinhof

Von Peter Reindl

Es gibt Briefe, die sind wie ein Fanal. Eine Auswahl der berühmtesten zeigt das Nürnberger Museum für Kommunikation vom 28. Juni bis 28.Oktober unter dem Titel "Der Offene Brief - Kämpferische Post von Luther bis Grass".

Die Ausstellung dokumentiert, welche Wirkungen die scheinbar ehrerbietigen Schreiben an die Mächtigen der Welt durch ihre Veröffentlichung auslösen können. Paradebeispiel ist der französische Romancier Emile Zola, der 1898 mit seinem flammenden Appell "J’accuse" ("Ich klage an") die schändliche Verurteilung des jüdischen Generalstäblers Alfred Dreyfus anprangerte und damit tatsächlich dessen Rehabilitation erreichte.

In Offenen Briefen rief Thomas Müntzer die Bauern zur Rebellion, verspottete Heinrich Heine die Zensur, und warnte Bertolt Brecht vor der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. 1936 gelang Thomas Mann mit seinem Offenen Brief anlässlich der Aberkennung seiner Ehrendoktorwürde eine eindrucksvolle Abrechnung mit den Nazis. 40 Jahre später kündigten die DDR-Künstler mit ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns der Staatsführung die Loyalität auf.

Mit der Form des Offenen Briefs, das macht die Ausstellung deutlich, wird der Adressat persönlich in Haftung für das Geschehen genommen. Wer solche Post bekommt, der weiß, dass das Publikum mitliest. Manchmal mit spöttischen Gelächter, manchmal mit heiligem Zorn. Auch Ulrike Meinhof wusste um diese Wirkung, als sie der Schahgemahlin Farah Diba die persischen Wirklichkeit vorhielt.

Selbst Angela Merkel schreibt Offene Briefe. Ihre Mitteilungen an die "Lieben Bürgerinnen und Bürger" erscheinen den Ausstellungsmachern allerdings als Schwundstufe dieser einflussreichen publizistischen Form. Zu den weniger geschichtsmächtigen Beispielen des Genres dürfte auch Microsofts Offener Brief an wurmgeschädigte User gehören.

Die Ausstellung im Nürnberger Museum für Kommunikation ist bis 28. Oktober dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr zu sehen. An Wochenenden und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Begleitend erscheint im Göttinger Wallstein-Verlag die 224-Seiten-Anthologie "Wer schweigt, wird schuldig. Offene Briefe von Martin Luther bis Ulrike Meinhof" (ISBN 978-3-8353-0217-5).

(Artikel vom 26.06.2007)