Geschichten von innen

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Geschichten von innen

Die Kinderbuchautorin Ursula Wölfel wird 85 Jahre alt

Von Lena Grundhuber (epd)

Als sie die Kollegin zum ersten Mal treffen sollte, musste die Autorin Mirjam Pressler aufmerksam Ausschau halten. Denn die damals schon bekannte Kinderbuchautorin Ursula Wölfel fiel vor allem durch Zurückhaltung auf: "eine kleine, zierliche Frau, die sich eher am Rand hielt", mit den wachen Augen eines neugierigen Vogels, schreibt Pressler.

Diese Mischung aus wacher Neugier und Zurückhaltung charakterisiert auch das Werk von Ursula Wölfel, die am 16. September 85 Jahre alt wird. So gut wie alle Formen hat die Autorin für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen adaptiert - von der humorvollen Kürzestgeschichte bis zum historischen Roman, vom Gedicht bis zum Theaterstück. Ihre Geschichten mit moralischem Hintersinn sind zu Lesebuch-Klassikern geworden.

Ihren Erzählton hat Ursula Wölfel beibehalten. "Natürlich könnte ich Sätze schreiben wie Thomas Mann. Aber ich versuche, alles ganz klar und einfach auszudrücken", hat sie einmal gesagt. Wölfel fürchtet die "gefährliche Autorität", die das gedruckte Wort auf Kinder ausüben kann. Sie möchte nicht das eigene Weltbild unterschieben, sondern das Selber-Denken fördern. Das heißt auch, die Sprachfähigkeit zu lehren, die es braucht, um Fragen zu formulieren, Gedanken zu entwickeln und Gefühle auszudrücken.

Dass Ursula Wölfel zur Vertreterin einer engagierten Kinderliteratur wurde, hat biografische Gründe. Geboren im Jahr 1922 wächst sie als jüngstes von vier Kindern des Generalmusikdirektors in Hamborn bei Duisburg auf. "Der große Freundeskreis der Familie aus Malern, Musikern und Komponisten war prägend für mich", erzählt sie. Der Tod des Vaters im Jahr 1933 beendete die glücklichste Kindheitszeit. Heute aber ist sie sicher: "Mein Vater hätte unter den Nationalsozialisten große Schwierigkeiten bekommen." Von nun an wird die Schule wichtig für sie.

Sie studiert Germanistik in Heidelberg, heiratet 1943 den Architekten Heinrich Wölfel und bringt 1944 ihre Tochter Bettina zur Welt, die später viele Bücher der Mutter illustrieren wird. Ursula Wölfel muss ihr Kind alleine aufziehen. Nachdem ihr Bruder schon 1939 gefallen war, stirbt 1945 auch ihr Mann. Nach dem Krieg macht sie eine Lehrerinnenausbildung, wird Hilfsassistentin für Pädagogik und setzt ihr Germanistik-Studium fort. Sie arbeitet als Sonderschullehrerin und später als wissenschaftliche Assistentin an der Forschungsstelle für Jugendliteratur und Jungleserkunde in Jugenheim. 1959 erscheint ihr erstes Buch "Fliegender Stern". Seit 1961 lebt Ursula Wölfel als freie Schriftstellerin im Odenwald.

Von Beginn an beschäftigt sie sich mit den Problemen von Außenseitern und zeigt Wege zur Bewältigung. Erst mit dem Erzählband "Die grauen und die grünen Felder" (1970) gewinnt Wölfel eine gesellschaftskritische Perspektive. Diese "wahren" Geschichten erzählen von Armut, Apartheid, Diktatur und sozialer Ungerechtigkeit. "Bedrückend" und "unzuträglich" hieß es in der Kritik, doch Ursula Wölfel will auch hier Mut machen, etwas zu bewegen.

Immer wieder hat sie historische Romane geschrieben. In "Ein Haus für alle" etwa geht es um die Euthanasie im Dritten Reich. Eine Familie muss um das Leben ihres behinderten Sohnes kämpfen und erlebt selbst die Verführungskraft der Ideologie. "Geschichte von innen" nannte eine Rezensentin dieses Verfahren. Geschichte, wie sie im Kosmos ‚Familie’ erlebt wird, im Gewissen jedes Einzelnen, in der Wahrnehmung des geistig behinderten Robbi. Ihren Optimismus hält Wölfel aufrecht: "Eine vollkommene Gesellschaft halt’ ich für unerreichbar, eine relativ bessere aber für möglich". Im Moment schreibt sie ein neues Buch, wieder geht es um ein historisches Thema.

Ursula Wölfel hat unter anderem den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises gewonnen. In der Begründung wird ihr ein "hoher Grad an Gegenwärtigkeit" bescheinigt. Mirjam Pressler beschreibt es persönlicher: "Wölfels Figuren wecken selten Wut, sondern höchstens Trauer. Und vor allem wecken sie Verständnis. Immer".

Hierzu hat epd-Bild ein Foto "Wölfel" über mecom-Bildfunk verbreitet. Foto bestellbar per E-Mail epdbayern @epv.de (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b070950; auch abrufbar unter www.epd-bild.de

(Artikel vom 06.09.2007)