"leer stelle" lädt zum Erinnern und Gedenken

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

"leer stelle" lädt zum Erinnern und Gedenken

Zeitgenössische Kunst bei der "artionale 2007" in Münchner evangelischen Kirchen

Von Markus Springer (epd)

Ein Experiment ist sie nicht mehr, die Münchner "artionale" - auch wenn Experimentelles unverzichtbar zum Charakter des nun schon traditionellen evangelischen Kunst-Kirche-Projekts in der Landeshauptstadt gehört: Zum vierten Mal nach 1998, 2001 und 2004 finden vom 10. Oktober bis 10. November wieder die Tage für neue Musik und Gegenwartskunst in 14 Münchner evangelischen Kirchen und Einrichtungen statt.

Oberbürgermeister Christian Ude und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler haben die Schirmherrschaft übernommen. Wie bei den vorangegangenen Kunstfesten hat auch diesmal Klaus von Gaffron, bayerischer Vorsitzender des Berufsverbands Bildender Künstler, die beteiligten 16 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Die musikalische Leitung des Kunstprojekts hat erneut Kirchenmusikdirektor Gerd Kötter aus der Lukaskirche.

Das Motto der diesjährigen Artionale lautet "leer stelle". Ein mit seinem integrierten "Leerzeichen" nicht nur typografisch gewitzter Titel, der Assoziationen anstößt: Wo etwas fehlt, beginnt da nicht die Imagination, das geistige Bilderwerk, vielleicht auch die Kunst? Für den Artionale-Schirmherrn und kritischen Protestanten Christian Ude steckt da "ganz im Sinne der konkreten Poesie - die Kunst schon in der Überschrift".

Leere, im spirituellen wie im künstlerischen Sinn, sie ist oft geradezu die Voraussetzung für die Begegnung mit der "Welt hinter der Welt". Oder ganz konkret gewendet: Bis heute sind - dicht unter der Oberfläche - die "Leerstellen", die Nationalsozialismus und Krieg in Bild und Leben der Stadt gerissen haben, sichtbar und fühlbar. "Leerstellen" ergeben sich auch, wenn wir älter werden, Verluste erfahren haben oder die Erinnerung schwindet.

All dies klingt an in den Projekten der Artionale 2007, die mit namhaften Künstlern aufwarten kann: Vor drei Jahren hat der in München beheimatete Künstler Ekkeland Götze an 25 Orten der Judenvernichtung - unter anderem in Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Theresienstadt und Treblinka - Erde gesammelt, aus der jeweils quadratmetergroße, in Fresko-Technik hergestellte "Terragrafien" entstanden sind. Götze verdichtet die "historischen Böden" zum "Bild" und holt so die Shoa auf bedrückend konkrete Weise in den Ausstellungsraum. Seine Arbeit war ursprünglich für das neue jüdische Gemeindezentrum in München am Jakobsplatz geplant, konnte dort aber nicht verwirklicht werden. Im Rahmen der Artionale wird Götzes Arbeit in der Lukaskirche nun zum ersten Mal gezeigt.

"Gedächtniskunst" am Beispiel von Bodenbildern der 2004 abgerissenen Nibelungenhalle, "Spurensicherung gegen die Vergänglichkeit" ist auch das Thema des Passauer Fotografen, Kabarettisten und Schriftstellers Rudolf Klaffenböck im Evangelischen Forum in der Herzog-Wilhelm-Straße. Auch Baschang-Schülerin Franziska Hufnagel mit der Bilderserie "20 Fenster - 20 Köpfe" in der abgedunkelten Markuskirche gehört zu den prominenteren Beteiligten an der Artionale 2007.

Eine Art sozialer Skulptur versucht dagegen die Münchnerin Petra Gerschner am Gotzinger Platz. Vor dem Hintergrund des Streits um den dort geplanten Moschee-Neubau stellt Gerschner, die bereits an der letzten Artionale beteiligt war, für die Sendlinger Himmelfahrtskirche die Frage: "An was glauben Sie?" Anwohner und Passanten sollen sich für die Installation in einem öffentlichen Fotostudio fotografieren lassen und die Gretchenfrage nach dem Glauben beantworten.

Internet: www.artionale.de.

Foto abrufbar per E-Mail epdbayern@epv.de (München), Telefon 089/12172-140. Bestellnummer: b071110.

(Artikel vom 04.10.2007)