Brandwunden der Literatur

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Brandwunden der Literatur

Die NS-Bücherverbrennung von 1933 veränderte die literarische Landschaft

Von Rieke C. Harmsen

Der Schriftsteller Alexander Moritz Frey gehörte dazu. Die Journalistin Maria Leitner. Und der Romancier Karl Schröder. Ihre Namen sind heute fast vergessen - weil die nationalsozialistischen Machthaber ihre Werke auf eine "schwarze Liste" setzten und ihre Bücher im Mai 1933 öffentlich verbrennen ließen. Und weil nach dem Krieg in Deutschland lange niemand etwas von diesem Verbrechen wissen wollte.

Heute, 75 Jahre später, ist von den mindestens 94 deutschsprachigen und 37 fremdsprachigen Autoren, deren Werke damals auf den Scheiterhaufen landeten, keiner mehr am Leben. Einige waren und sind berühmt, wie Klaus und Heinrich Mann, Joseph Roth, Sigmund Freud, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky. Andere wie Schröder, Frey und Leitner gerieten in Vergessenheit.

Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 war keine regional begrenzte, einmalige Aktion. Vielmehr handelte es sich um eine vierwöchige, akribisch vorbereitete Kampagne mit enormen Ausmaßen: Allein auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, wurden über zwanzigtausend Bände verbrannt. Es waren vor allem Werke jüdischer, linksgerichteter und pazifistischer Autoren. Die deutschen Rundfunksender übertrugen eine eigens vorbereitete Staffelreportage, die Zeitungen berichteten auf den Titelseiten von dem Ereignis.

Der literarische Massenmord bahnte sich bereits in den 20er Jahren an. Nationalsozialistische Zeitungen wie der "Völkische Beobachter" hetzten gegen etliche Schriftsteller. Gegen die Stimmen von SPD und KPD verabschiedete der Reichstag ein "Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften". Kurt Tucholsky, selbst bald Opfer dieses Gesetzes, kritisierte es als "schärfsten Angriff auf die geistige Freiheit Deutschlands".

Ab 1931 ermöglichte eine Verordnung, Druckschriften zu beschlagnahmen und Zeitungen für die Dauer von bis zu acht Monaten zu verbieten. Der Journalist und Pazifist Carl von Ossietzky, Herausgeber der kritischen Zeitschrift "ie Weltbühne", musste nach einem spektakulären Prozess ins Gefängnis. Resigniert schrieb Axel Eggebrecht 1932: "Noch kurze Zeit Geduld: Wer dann in Deutschland noch von geistiger Freiheit spricht, der hält Leichenreden. (...) Es ist vorbei. Man legt die Hände in den Schoß und wartet auf Hitler."

Eine unselige Rolle bei der Bücherverbrennung spielten Studenten, allen voran die regimetreue "Deutsche Studentenschaft". Akribisch bereiteten sie die Aktion mit Rundschreiben und genauen Anweisungen an die Kommilitonen vor. Ab dem 13. April 1933 hingen an den Universitäten Plakate mit zwölf Thesen "wider den undeutschen Geist". Die Forderung: den "undeutschen Geist" aus öffentlichen Büchereien "auszumerzen".

Anfang Mai fuhren Studentengruppen mit Lastwagen von Leihbücherei zu Leihbücherei, um Bücher und Schriften einzusammeln, die auf der "schwarzen Liste" standen. Am Abend des 10. Mai 1933 schließlich brannten an 22 Orten in Deutschland Scheiterhaufen mit zehntausenden Büchern. Tausende Menschen kamen, um sich die "Brandreden" anzuhören oder selbst ein paar Bücher in die Flammen zu werfen. Für das gesamte Frühjahr sind über fünfzig Bücherverbrennungen dokumentiert.

Die Autoren wurden verfolgt - bekannte wie unbekannte. Alexander Moritz Frey (1881-1957) zum Beispiel, der mit Hitler im Regiment gewesen war, floh 1933 in einem Kofferraum versteckt ins Exil und starb verarmt an den Folgen eines Gehirnschlags. Die Spur der Journalistin Maria Leitner (1892-1941) verlor sich in Marseille, wahrscheinlich ist sie verhungert. Karl Schröder (1884-1950) wurde 1936 verhaftet und überlebte verschiedene Konzentrationslager. Nach dem Krieg baute er die Volkshochschule in Berlin-Neukölln auf und trat in die SED ein.

Bis vergessene Autoren wie Frey, Leitner und Schröder wieder entdeckt wurden, dauerte es lange. 1976 besuchte der Reporter Jürgen Serke einige Überlebende und porträtierte sie in seinem Buch "Die verbrannten Dichter". Den Finanzkaufmann Georg Salzmann faszinierte das so, dass er begann, ihre Bücher zu sammeln. Heute stehen in seinem Haus in Gräfelfing bei München rund 12.500 Bücher. 75 Jahre nach der Bücherverbrennung könnte diese Sammlung bald für die Öffentlichkeit zugänglich sein: Die Stadt Nürnberg überlegt, sie in ihr NS-Dokumentationszentrum einzugliedern.

(Artikel vom 28.04.2008)