Die "Judenhäuser" von München-Schwabing
Die "Judenhäuser" von München-Schwabing
Zum Stadtgeburtstag dokumentiert ein Stadtteil das Schicksal verfolgter Mitbürger
Von Heinz Brockert
Leicht verträumt und bildhübsch sieht Rut Eva Gutman auf diesem Foto aus dem Jahre 1941 aus. Der Behördenstempel, der auf den rechten oberen Rand geknallt ist, weist aber darauf hin, dass es kein gewöhnliches Bild ist. Die 15-jährige Schülerin wurde mit anderen Bewohnern des Hauses Jakob-Klar-Straße 7 in München-Schwabing von den Nazi-Behörden erfasst und fotografiert, bevor sie in einem Massentransport ins Vernichtungslager Kaunas in Litauen gebracht und dort am 25. November 1941 ermordet wurde.
Aus Anlass des 850-jährigen Stadtgeburtstags haben Mitglieder eines Schwabinger Geschichtsarbeitskreises in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kulturreferat, der Israelitischen Kultusgemeinde, der evangelischen Kreuzkirche und dem städtischen Gisela-Gymnasium das Schicksal jüdischer Bürger ihres Stadtviertels öffentlich gemacht. Sie konnten sich auf ein ungewöhnliches Projekt stützen. Seit 1990 spürt das Münchner Stadtarchiv den Lebensläufen und Schicksalen der jüdischen Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft nach und hat viele bereits in zwei Bänden einer Reihe "Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933 bis 1945" dokumentiert.
Vor dem zeitweiligen Wohnhaus von Rut Eva Gutman hatte der Geschichtsarbeitskreis einen Infostand aufgebaut und auf Tafeln in Bild und kurzen Lebensläufen an die in sogenannten "Judenhäusern" zusammengepferchten Opfer erinnert. Das westliche Schwabing war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ein Münchner Boom-Viertel. Elegante Stadthäuser entstanden. Einige jüdische Familien, die seit Generationen in der Stadt lebten, zogen auch dorthin. Als die Nazis Ende der 30er Jahre mit der physischen Vernichtung der Münchner Juden begannen, zogen sie sie zuerst in den Häusern jüdischer Eigentümer zusammen. Das Elend war bereits in diesen Unterkünften, die als "Judenhäuser" bekannt waren, groß.
Reinhard Grüner, Historiker und Stellvertretender Schulleiter eines Münchner Privatgymnasiums, gab an diesem Wochenende unermüdlich Auskunft über ein bislang wenig bekanntes Kapitel der Münchner Stadtgeschichte, das allerdings inzwischen gut dokumentiert ist. Neben dem Biographischen Gedenkbuch erschien im vergangenen Jahr eine Stadtteilgeschichte Münchner NS-Opfer. "ausgegrenzt - entrechtet - deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933 bis 1945", (Volk Verlag, München) ist ein überzeugender Beleg dafür, dass die Gräuel der Nazis immer dann besonders nahe gehen, wenn sie auf der Ebene von Nachbarschaften dokumentiert sind. Wie gelingt es diktatorischen Regimes, innerhalb kurzer Zeit Hass und Feindschaft in einst friedlich miteinander lebende Gemeinschaften zu tragen?
Die Fotogruppe des Schwabinger Gisela-Gymnasiums hat einen besonderen Beitrag dazu erstellt. Sie fotografierte die Türen von Häusern im Stadtviertel, die den Krieg überstanden haben und in denen einst jüdische Mitbürger wohnten. Eine Dokumentation dieser Arbeiten. "Hier gingen wir ein und aus. Jüdische Bürger und Bürgerinnen vor ihrer Vertreibung" ist in der Schule zu sehen. Die evangelische Kreuzkirche in Schwabing wiederum erinnerte in einem Gottesdienst an ein anderes Versagen von Stadtgesellschaft und Kirche. Sie beleuchtete das Schicksal von getauften Juden, die ebenso von den Nazis der Verfolgung preisgegeben wurden.
Am Haus von Rut Eva Gutman wurde durch Ellen Presser von der Israelitischen Kultusgemeinde und Walter Klein vom örtlichen Bezirksausschuss eine Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Mitbürger enthüllt. Zudem hat Horst Konietzny in einem Hörspiel für den Bayerischen Rundfunk "Erinnerung eine Straße entlang" festgehalten, wie heutige Bewohner und Passanten der Jakob-Klar-Straße versuchen, dem Schicksal der früheren Mitbürger nachzuspüren.


