Auswanderer-Welle hält unvermindert an
Auswanderer-Welle hält unvermindert an
Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände gefragter denn je
Von Prisca Hein (epd)
Die Auswanderer-Welle in Deutschland hält unvermindert an. Nach amtlichen Statistiken, die am Donnerstag bei der Jahrestagung deutscher Auswanderer-Beratungsstellen in Würzburg vorgelegt wurden, kehrten im vergangenen Jahr 161.000 Deutsche ihrer Heimat den Rücken. Das waren vier Prozent mehr als 2006, dem Jahr mit der höchsten Auswandererquote der letzten Jahrzehnte.
Steigende Nachfrage verzeichnen auch die 27 Auswanderer-Beratungsstellen von Caritas, Diakonie und Rotem Kreuz in Deutschland. Mehr als 27.000 Menschen informierten sich dort im vergangenen Jahr. Immer häufiger komme es zu Wartezeiten.
Die Berater arbeiteten im Spannungsfeld aus realistischen Plänen und Wunschträumen, wurde bei dem Treffen deutlich. Sie bemühen sich um objektive Fachinformation und persönlichen Rat und werden dabei immer häufiger mit individuellen "Spezialproblemen" konfrontiert. Jede achte Eheschließung in Deutschland erfolgt mittlerweile zwischen Partnern unterschiedlicher Nationalität. Die Beratung binationaler Paare, aber auch Ausreisemöglichkeiten bei Überschuldung und Einwanderungsbedingungen für Zielländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate und China standen auf der Tagesordnung.
Die meisten Auswanderer verlassen Deutschland aus beruflichen Gründen, doch viele wollen sich eine Rückkehrmöglichkeit offenhalten, berichtete Uta Witte von der Evangelischen Auslandsberatung in Hamburg. Manche jüngere Emigranten meldeten sich vor der Ausreise bewusst wieder am Wohnsitz ihrer Eltern an, um auf diese Weise einen letzten Haltepunkt in der Heimat zu haben. Statistisch würden sie nicht als Auswanderer erfasst.
Nach Einschätzung des Raphaels-Werkes der Caritas, das allein 21 Beratungsstellen unterhält, ist die Auswanderungswelle auch eine Folge des veränderten sozialen Klimas in Deutschland. Viele Arbeitlose wollen lieber ihr Glück in der Fremde versuchen, als von Mitarbeitern der Jobcenter "gefordert und gefördert" zu werden, berichteten Berater. Aber auch Fernsehserien über auswandernde Familien spielten eine Rolle und schließlich locke in Ländern wie der Schweiz derzeit die Nummer 1 der Auswandererziele oder Dänemark für manche Berufe deutlich besserer Lohn als hierzulande.
Im Internet-Zeitalter erscheint es leicht an Infos über attraktive Zielländer zu kommen. Und doch reicht es laut Gabriele Mertens, Generalsekretärin des Raphaels-Werks in Hamburg nicht, sich in Foren und Chatrooms über das Land der eigenen Träume zu informieren. Vor jeder Auswanderung seien zahlreiche Detailfragen zu klären. Wer sich hierfür zu wenige Zeit nehme, drohe am neuen Ziel zu scheitern.
Trotz steigender Nachfrage haben die Wohlfahrtsverbände ihr Beratungsangebot für Auswanderer reduziert, wurde bei der Tagung kritisiert. Kommerzielle Unternehmen sähen darin eine Marktchance. Witte und Mertens warnten vor "Rundum-sorglos-Paketen" solcher Firmen für Auswanderungswillige. Dabei werde häufig nicht auf erforderliche Sprachkenntnisse geachtet. Als Gegenleistung für das Ausfüllen fremdsprachiger Anträge würden mitunter überteuerte Versicherungs- und Speditionsleistungen verkauft.
Hier lohne es sich, notfalls ein paar Wochen Wartezeit für eine kostenlose Beratung der Wohlfahrtsverbände in Kauf zu nehmen. Eine wichtige Rolle spiele auch die Frage, inwieweit der Entschluss des Ausreisewilligen "Fluchtcharakter" hat. Wer bestehende Probleme nur verlagern wolle laufe große Gefahr zu scheitern, so die Experten. Unzureichende Beratung vor der Auswanderung gilt als wesentlicher Grund dafür, dass mehr als 100.000 Deutsche alljährlich nach längerem Auslandsaufenthalt wieder in ihre alte Heimat zurückkehren.


