Die Katastrophe des Nationalsozialismus weiter aufarbeiten
Die Katastrophe des Nationalsozialismus weiter aufarbeiten
Städtetagspräsident Ude sieht seine Heimatstadt in einer besonderen Pflicht
Von Heinz Brockert
Er sei der erste Nachgeborene von Krieg und NS-Terrorismus, dem die Ehre gegeben werde, die Weiße Rose Gedächtnisvorlesung in der Münchner Universität zu halten. So bedankte sich der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) in der vollen Großen Aula der Hochschule. Er leite daraus keine "Gnade der späten Geburt" ab, betonte der 61-Jährige.
Es dürfe und werde keinen "Schlussstrich" unter der Aufgabe gezogen werden, die "nationale und zivilisatorische Katastrophe des Nationalsozialismus" aufzuarbeiten. Vieles werde erst jetzt richtig in den Blick genommen. "Wer stolz sein will auf seine Stadt, seinen Berufsstand, sein kulturelles Erbe und auf die Gesellschaft, aus der er hervorgegangen ist, der muss sich der deutschen Vergangenheit stellen und Verantwortung für die Opfer des Nationalsozialismus übernehmen", betonte Ude, der auch Präsident des Deutschen Städtetages ist.
Und er wartete mit einer bedrückenden These auf: Viele Berufsgruppen in Deutschland hätten mit der Aufarbeitung der eigenen Schuld solange gewartet, bis die Belasteten in den eigenen Reihen entweder gestorben oder in Ruhestand gegangen waren. Besonders auffällig und schlimm, so der Jurist, sei das im Rechtswesen des Nachkriegsdeutschlands gewesen. Keiner der Richter des berüchtigten NS-Volksgerichtshofs, der auch die Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944 aufs Schafott geschickt habe, sei zur Rechenschaft gezogen worden. "Die Verdrängungsleistung des Berufsstandes der Juristen sucht ihresgleichen."
Die Rolle der Medizin, der Kirchen, der Finanzverwaltung im NS-Staat sei beispielsweise noch nicht aufgearbeitet, ganz zu schweigen von den Tausenden von Reichsbahnangestellten, die die Todestransporte in die KZs abgewickelt hätten. Und Ude wurde bitter mit dem Blick auf das gegenwärtige Gebaren des Vatikans. Wer antisemitische Haltungen offenbare, könne immer noch Bischof in der katholischen Kirche werden, aber nicht der, der gemeinsam mit einem Protestanten das Abendmahl feiere. Auf die selbstgestellte Frage, ob München eine besondere Verantwortung für die NS-Gräuel habe, antwortete der Kommunalpolitiker mit einem klaren "Ja".
Vieles sei verdrängt und verniedlicht worden. Beispielsweise, dass es bereits um 1900 einen "ausgeprägten Antisemitismus, der sich in Flugblättern und Kampfschriften in der Öffentlichkeit zeigte" in der bayerischen Landeshauptstadt gegeben habe. München sei "nicht durch Zufall" der Gründungsort der NSDAP gewesen. Im Polizeipräsidium in München, das im Film folkloristisch als "Löwengrube" verklärt wurde, sei das erste Konzentrationslager geplant worden. Die Reichspogromnacht 1938 sei besonders heftig in München gewesen mit über 20 ermordeten Juden. Die Hauptsynagoge sei bereits vor diesem braunen Fanal von den Nazis abgerissen worden.
Der Oberbürgermeister rüttelte an weiteren Münchner "Heiligtümern". Der Stadtteil Schwabing, Sehnsuchtsort der Deutschen, sei eine Hochburg der Nazis gewesen, weil viele braune Professoren und Juristen im großbürgerlichen Quartier ihre Wohnungen gehabt hätten. Für den Oberbürgermeister ein weiterer Grund, das in der konkreten Planung befindliche NS-Dokumentationszentrum nahe dem Münchner Königsplatz zu begrüßen.
Ude erinnerte auch daran, dass es neben dem bewegenden Widerstand der Weißen Rose auch in München schon vor der Machtergreifung der Nazis persönlichen Mut und persönliche Zeugnisse gegen den Nationalsozialismus gegeben habe. Einer der unbeugsamen Warner sei der spätere erste bayerische Ministerpräsident nach dem Kriege, Wilhelm Hoegner, gewesen. Er brachte die Entwicklung auf die einfache, aber wahre Formel: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg."
Der Widerstand gegen Inhumanität und politischen Extremismus müsse eingeübt werden, wenn er "noch nicht heroisch sein muss", so das Bekenntnis des Stadtoberhauptes. Der Neigung zur Verdrängung von unangenehmen Wahrheiten müsse gestern wie heute entgegengetreten werden.


