Gesprächsangebot an ehemalige Heimkinder

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Gesprächsangebot an ehemalige Heimkinder

Rummelsberg will Sünden der Fürsorgeerziehung aufarbeiten

Die Rummelsberger Diakonie hat ehemaligen Heimkindern, die sich als Opfer der Erziehungsmethoden der 50er und 60er Jahre sehen, Gespräche angeboten. Damals sei Unrecht geschehen, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Rummelsberger Anstalten, Wolfgang Bub, am Donnerstag. Das evangelische Sozialwerk, das seit 1905 Heimerziehung betreibt, greift mit dem Dialogangebot Anliegen des Runden Tisches auf, der unter Vorsitz der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) bundesweit das Schicksal von Heimkindern aufarbeiten will.

Der Runde Tisch strebt Vollmer zufolge einen Konsens zwischen ehemaligen Heimkindern, Vertretern der Sozialpolitik und den Trägern der damals zumeist kirchlichen Erziehungsheime an. Mit Hilfe von Wissenschaftlern soll das Geschehen zeitgeschichtlich eingeordnet werden.

Dabei geht es auch um die Frage, ob ehemalige Heimkinder finanzielle Entschädigung bekommen sollen. Zahlreiche Heimzöglinge mussten Arbeit ohne Lohn leisten. Sozialversicherungsbeiträge wurden nicht abgeführt.

Nach Informationen des Evangelischen Pressedienstes (epd) hat in Rummelsberg schon vor längerem ein Mann, der ab 1948 einige Jahre untergebracht war, Forderungen erhoben. Eine Frau, die bis 1968 in einem Rummelsberger Mädchenheim lebte, berichtet im Internet über Demütigungen.

Die Innere Mission München startete bereits vor drei Jahren den Aufruf "Heimkinder gesucht". Etwa 30 Ehemalige hätten sich daraufhin gemeldet, sagte Pressesprecher Klaus Honigschnabel in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung "Evangelisches Sonntagsblatt" (München). Ihre Erfahrungen seien "durchmischt" gewesen. Einige erinnerten sich schaudernd an regelmäßige Prügelstrafen, andere an liebevollen Umgang der "Tanten" mit ihren Schutzbefohlenen.

Über entwürdigende Erlebnisse in einem Heim des Diakonissen-Mutterhauses Hensoltshöhe (Gunzenhausen) berichtete am Runden Tisch die heute 59-jährige Sonja Djurovic: Redeverbot beim Essen, zensierte Post, Rockmusik galt als dämonisch. Bei Verstößen mussten zur Strafe Hauskleider getragen werden, in denen sich die Mädchen wie Vogelscheuchen vorkamen. Um aus dem Heim ins Krankenhaus zu flüchten, hätten Mädchen Stecknadeln geschluckt, worauf die Diakonissen als Gegenmittel abführendes Sauerkraut verordnet hätten. Sonja Djurovic verlangt Wiedergutmachung.

Die heutige Pädagogik sei mit der der Nachkriegszeit nicht mehr zu vergleichen, erklärte Bub. Als Folge der Heimkampagne des Jahres 1968 geschehe die Arbeit seither unter professionellen Bedingungen und hohen pädagogischen Standards. Dennoch sei es gut, dass die Debatte über die 50er und 60er Jahre begonnen habe. Sozialpolitik und Pädagogik hätten die Pflicht, aus der Geschichte zu lernen.

(Artikel vom 05.03.2009)