Gläubig in den Tod

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Gläubig in den Tod

Ausstellung zeigt religiöse Motive in Feldpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg

Die Frömmigkeit auf der Feldpostkarte von 1915 hat zwei Gesichter. Links knien die Soldaten demütig nieder, Helm ab zum Gebet, getreu der Mahnung: "Lasst Eure Herzen schlagen zu Gott!" Rechts setzen sie eine Kirche in Brand und machen sich wütend über einen gegnerischen Kämpfer her. Schließlich geht der Appell ja noch weiter: "…Und Eure Fäuste auf den Feind!" Eine Sonderausstellung im Museum "Kirche in Franken" in Bad Windsheim zeigt bis 27. September die unheilige Allianz von Glaube und Krieg.

Die Schlachten des Ersten Weltkrieges gehörten zum Entsetzlichsten, was die Menschheit bis dato gesehen hatte. Man praktizierte, ein Novum, industrielle Massentötung: 17 Millionen Menschen starben, unzählige überlebten nur als körperliche oder seelische Krüppel. Der Krieg gilt heute als die eigentliche "Urkatastrophe" Europas. Ernst Jünger verglich die permanente Todesangst in den Schützengräben mit dem Gefühl, das jemand hat, der an einen Pfahl angebunden ist, während wieder und wieder neben seinem Kopf ein Vorschlaghammer niederfährt.

Dagegen die Postkarten! Sie jubelten: "Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoss ein Franzos!", sie empfahlen ein "Russisches Vaterunser": "Väterchen Unser, der du bist in Petersburg, vertilgt werde dein Name, dein Reich verschwinde…In der Hölle brate in Ewigkeit!" Engel und Heilige geleiteten die Landser zu den Schlachtplätzen, im hart umkämpften Schützengraben erscheint Christus selbst mit den Worten: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage." Sie versichern: "Heil und Sieg unsern´ Waffen!" Sieben Milliarden Karten wurden während des Krieges beiderseits der Fronten versandt; die (kostenlose) Feldpostkarte war das wichtigste Kommunikationsmittel ins Hinterland.

"Man hat den Glauben missbraucht, um den Krieg zu rechtfertigen", resümiert Stephanie Böß vom Museum "Kirche in Franken". Die Kirchen, vor allem die protestantische, überschlugen sich mit Loyalitätsbekundungen zu Kaiser, Volk und Vaterland und stilisierten den Waffengang zum "heiligen Krieg". Die Bildersprache der Postkarten mitsamt aller religiösen Verirrung, die darin zum Ausdruck kommt, war allerdings ein Produkt der Postkartenverlage.

Die rund 100 Karten stammen fast alle aus der Sammlung von Dietrich Heber (Dachsbach bei Neustadt/Aisch), die wissenschaftliche Aufbereitung samt opulentem Katalog besorgte die Volkskundlerin Heidrun Alzheimer mit einer Studentengruppe der Uni Bamberg in Kooperation mit dem Museum. Zu sehen sind auch Begleitexponate wie Eiserne Kreuze oder ein Kruzifix, das ein fränkischer Schmied nach Kriegsende aus Granatsplitter fertigte: Es ruht auf einer geschmiedeten Handgranate. Eine Hörstation lässt Feldgesänge wie das "Niederländische Dankgebet" erklingen.

In merkwürdigem Kontrast zu den martialischen Bildmotiven stehen mitunter die rückseitigen Texte. So sandte etwa die "treue Braut Anna" aus Kitzingen ihrem eingerückten Verlobten den dramatischen Appell Theodor Körners: "Vater, ich rufe dich! S´ist kein Kampf um die Güter der Erde / Das Heiligste schützen wir mit dem Schwerte!" Man sieht einen blutig bandagierten Soldaten, einsam auf dem Schlachtfeld sitzend. Der persönliche Text auf der Rückseite lautete: "Mein lieber Kaspar, herzlichen Dank für deine beiden schönen Karten. Wohin geht euer Reisemarsch? Das Wetter war heute sehr schön. Habe sehr viel an dich gedacht. Wo verbringst du morgen den Sonntag?" Eine Ausnahmekarte hat es in der Ausstellung zur Plakatwandgröße gebracht. Man sieht lange Reihen weißer Grabkreuze. Dazu schrieb ein Soldat im Juni 1916: "Wenn jemand von dem Ernst des Kriegs noch nicht ganz durchdrungen sein sollte; so zeigt ihm diese Karte." Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Internet: www.freilandmuseum.de.

(Artikel vom 01.04.2009)