"Heile Welt" in Zaitzkofen
"Heile Welt" in Zaitzkofen
Umstrittene Pius-Bruderschaft weiht trotz kirchlicher Kritik drei neue Priester
Von Dirk Johnen
Es ist das Bild einer heilen Welt: Auf einer Bank sitzt eine ältere Dame. In der Hand hält sie einen Rosenkranz mit Kreuz. Ab und zu lässt sie die Kugeln durch ihre Finger gleiten, das Kreuz liegt vor ihr im Schoß. Neben ihr sitzt eine schwarz gekleidete Ordensschwester, die Arme ineinander verschränkt. Auf der Bank im kleinen Friedhofsgarten genießt sie die Stille nach dem Rummel, der sich an diesem Tag seit dem frühen Morgen abspielt.
Unter den Augen von knapp 2.000 Besuchern und einer riesigen Journalistenschar hat zuvor die umstrittene Pius-Bruderschaft an ihrem einzigen deutschen Sitz im bayerischen Zaitzkofen drei neue Priester geweiht. Die Zeremonie, die mehrere Stunden dauert, wird wird nach altem katholischem Ritus gefeiert.
Es ist ein sehr feierlicher Gottesdienst. Wie jedes Jahr an diesem Ort bildet die Priesterweihe den krönenden Abschluss der Priesterausbildung. Sie erfolgt nach den Maßstäben der 2000-jährigen Tradition aus Gewissenpflicht, "weil wir die Kirche lieben", sagt der Priesterseminarleiter, Regens Pater Stefan Frey.
Seit 25 Jahren finden Priesterweihen in Zaitzkofen statt. Aber kaum jemals zuvor dürften sie so kritisch innerhalb der katholischen Kirche diskutiert worden sein, wie diesmal. Die Piusbrüder in Zaitzkofen scheint das offenbar nicht zu stören. Auch der Medienrummel an diesem Tag nicht. "Keiner hat hier was zu verbergen", heißt es und der Pressesprecher der Piusbrüder in Deutschland, Pater Andreas Steiner, beantwortet gutmütig und freundlich alle Fragen. Mit Gottesdienstbesuchern kommen die Journalisten aber kaum in Kontakt. Der Pressebereich ist durch Seile abgetrennt.
Die Gottesdienstbesucher müssen Zeit und Geduld mitbringen. Über drei Stunden dauert die Priesterweihe nach alter Liturgie, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückgeht. Die Priesterweihen sind für den Generaloberen der Bruderschaft, Bischof Bernard Fellay, "etwas ganz Normales". Die Gemeinschaft könne nur mit neuen Priestern überleben, wenn sie keine neuen Priester weihe, komme das einem "Todesstoß" gleich, fügt Pater Steiner hinzu. Dabei weisen beide auf den Priestermangel in Deutschland und anderen Ländern hin. "Wenn es so weitergeht, ist die Kirche in vielen Ländern in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr da", warnt der Generalobere.
Das Sakrament der Priesterweihe spendet der spanische Bischof Alfonso de Galarreta. Er gehört zu den vier Bischöfen der Bruderschaft, deren Exkommunikation Papst Benedikt XVI. im Januar aufgehoben hatte. Während der Zeremonie geht er nicht auf theologische Probleme oder kirchenpolitische Fragen ein. Stattdessen erläutert er die Grundlagen der Messe als Quelle für alle Güter und den Reichtum der Kirche. Glaube, Hoffnung, Liebe - die drei Tugenden der christlichen Kirche fließen aus der Heiligen Messe, sagt der Bischof.
In dem 150-Seelen-Ort scheint sich dies bewahrheitet zu haben. "Keiner im ganzen Dorf hat an den Piusbrüdern etwas auszusetzen", sagt Wirt Toni Prückl. Die Piusbrüder hielten nur an ihrem alten Glauben fest, weiß er, und erinnert er sich an seine eigene Ministrantenzeit, als er den alten Ritus kennenlernte.
Auch Bankkaufmann Herbert Bauer kennt diese Tradition noch. Die stundenlangen Gottesdienste meidet er allerdings heute, wie er offen zugibt. Dass die Bruderschaft das Schloss - wie ihr Haus im Ort genannt wird - und die dazugehörige Parkanlage pflegen und hegen, begrüßten die Dorfbewohner sehr.
Die ältere Dame und die Ordensschwester sitzen noch immer auf der Bank. Inzwischen haben sich beide erholt und reden freundlich miteinander. Nur das Kreuz liegt nicht mehr auf dem Schoß, sondern ist auf linke Knie hinuntergerutscht. Viele Gläubige werden die Differenzen innerhalb der katholischen Kirche nicht verstehen.


