Ethikprofessor: "Diakonie muss sich bewegen, bevor sie bewegt wird"
Ethikprofessor: "Diakonie muss sich bewegen, bevor sie bewegt wird"
Christliche Wohlfahrtsverbände stehen vor Glaubwürdigkeitsproblemen
Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Deutschland haben ein "Glaubwürdigkeitsproblem" in einer zunehmend kirchenfremden Gesellschaft. Dieser Ansicht ist der Göttinger Ethikprofessor Reiner Anselm. Bei einer Podiumsdiskussion in Augsburg zum Thema "Diakonie zwischen Marktwirtschaft und Sozialwirtschaft" sagte der evangelische Theologe am Mittwochabend, "es wird Zeit, dass darüber diskutiert wird, ob sich Diakonie aus manchen Bereichen zurückzieht oder Einrichtungen schließt." Vor allem in der Bildungsarbeit und in der medizinischen Versorgung müsste man Engagement überdenken. Die Diakonie habe in manchen Bereichen "massive Probleme", so Anselm, "besser sie bewegt sich, bevor sie bewegt wird."
Für den Sozialstaat habe vor 100 Jahren der Protestantismus die Rolle des Ideengebers gespielt. Heute müsste die Kirche wieder als "Schrittmacher" fungieren, sagte der Göttinger Professor. Sie müsse sich für "ergänzende Dienstleitungen der Nächstenliebe" starkmachen und die Finanzierung selbst verantworten. Heute seien die christlichen Wohlfahrtsverbände zu stark in die staatliche Versorgung eingebunden und damit blockiert, meinte Anselm.
Widerspruch erntete Anselm bei der Diskussion im "Augustana-Forum" vom Vorsitzenden des Diakonischen Rates in Bayern, Rektor Heinrich Götz. "Die Chance, mitten in der Gesellschaft diakonisch tätig zu sein", so Götz, "dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Sonst haben wir unseren Auftrag nicht erfüllt." Götz ist Leiter der Diakonissenanstalt in Augsburg, an der rund 500 Mitarbeiter beschäftigt sind. Auch der CSU-Politiker Max Weinkamm, Sozialreferent der Stadt Augsburg, hielt es für "nicht schlau, dass die Kirchen aus dem Spiel der Kräfte aussteigen". Er prophezeihte aber, dass es das heutige deutsche Sozialsystem in etwa zehn Jahren nicht mehr geben werde, weil es die Europäische Union kippen werde.


