Dem Absturz folgt ein Neuanfang

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Dem Absturz folgt ein Neuanfang

Früherer Rummelsberger Rektor Bierlein äußert sich erstmals seit seinem Rücktritt

Von Gerhard Lenz

Der frühere Vorstandsvorsitzende der Rummelsberger Anstalten und Rektor der Rummelsberger Diakonen-Brüderschaft, Karl Heinz Bierlein (58), hat sich erstmals seit seinem skandalumwitterten Rücktritt Ende 2007 öffentlich geäußert. Mit seinem - inzwischen genehmigten - Antrag auf Entlassung aus dem Pfarrdienst der bayerischen Landeskirche zum 31. Dezember 2009 habe er das gegen ihn laufende Disziplinarverfahren beenden wollen, sagte er auf Anfrage. Energisch widersprach Bierlein Berichten über einen "Deal" mit der Landeskirche: "Ich verliere sämtliche Pensionsansprüche und erhalte nicht einen Euro Abfindung".

Der promovierte Theologe, einst einer der führenden evangelischen Sozialmanager in Deutschland, war nach dem Bekanntwerden von Übergriffen gegen Diakonenschüler im Dezember 2007 zurückgetreten. Mitglieder der Kirchenleitung hätten ihm damals als Alternative die sofortige Suspendierung angedroht, berichtete er. Im Juni 2008 verurteilte ihn das Amtsgericht Hersbruck per Strafbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen zu elf Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 10.000 Euro Geldbuße.

Er habe den Strafbefehl und den damit verbundenen Eintrag ins Vorstrafenregister akzeptiert, um weiteren Schaden von seiner Familie abzuwenden, so Bierlein. Eine "umfassende Schuldanerkenntnis" sei für ihn damit nicht verbunden gewesen.

Eigenen Angaben zufolge bezieht der einst hoch geachtete und wohl dotierte Diakoniechef seither ein "reduziertes Pfarrersgehalt". Seit Oktober 2008 arbeite er unentgeltlich für die Johannes Seniorendienste e.V. in Bonn, deren Vorstandsvorsitzender er inzwischen ist. Der bundesweit tätige Sozialkonzern mit rund 50 Pflegeeinrichtungen und etwa 3000 Beschäftigten ist wie die Rummelsberger Anstalten (170 Einrichtungen mit 6.200 Beschäftigten) eng mit der Diakonie verbunden.

In Bonn sieht Bierlein eine "für mein Alter seltene Gelegenheit zu einem beruflichen Neuanfang". Sein Antrag auf Entlassung sei ihm "nach 33 Jahren als engagierter Pfarrer" nicht leicht gefallen. Anderseits sei es seine "erste freie Entscheidung seit fast zwei Jahren" gewesen. Die schlagzeilenträchtige Diskussion in den Medien, die juristischen und theologischen Auseinandersetzungen aber auch das kühle Verhalten mancher hochrangiger Vertreter in Kirche und Diakonie seien für ihn und seine Familie nicht leicht zu ertragen gewesen, gab er zu verstehen.

Der Einschätzung, dass er seither nur noch ein Schattendasein in der bayerischen Kirche geführt habe widersprach der gebürtige Kemptener. Er habe auf dem diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen viele Freunde und Bekannte getroffen und aus bayerischen Gemeinden und Einrichtungen viel Ermutigung erfahren. Immer wieder erhalte er Einladungen, wie etwa zur Amtseinführung seines "alten Freundes" Christian Schmidt als Regionalbischof in Würzburg, die er gerne annehme. Den Kontakt mit den Medien habe er wegen der schwebenden Verfahren vermieden.

Unverständnis äußerte Bierlein über seine jüngste "scharfe Verurteilung" durch die Rummelsberger Brüderschaft. Er habe die geistliche Gemeinschaft mit ihren rund 1.000 Diakonen elf Jahre geleitet und sich dort um Reformen bemüht. Nach seinem Rücktritt habe er ihr mehrfach "mündlich und schriftlich" Gesprächsbereitschaft signalisiert, allerdings ohne Resonanz. Stets sei damit argumentiert worden, dass zunächst das Ergebnis der verschiedenen Verfahren gegen ihn abzuwarten sei.

Ob er zu diesem Gespräch und dem von der Brüderschaft geforderten "Schuldbekenntnis" jetzt bereit sei, ließ Bierlein offen. "Sie dürfen nicht meinen, dass es mich nicht erschüttert hat, dass ich Menschen seelisch verletzt habe", versicherte er. Einige der Vorwürfe aus der Bruderschaft empfinde er jedoch als "bitteres Unrecht". Die Frage ob er nach seinem Rücktritt 2007 das Gespräch mit seinen Missbrauchsopfern - jungen Diakonenschülern - gesucht habe, verneinte er.

Der ehemalige Rektor hatte - angeblich für ein privates Buchprojekt - mit Diakonenschülern unter strengem Schweigegebot "wissenschaftliche Experimente" vorgenommen. Bei den schmerzhaften Psychospielen sollte gemessen werden, in welchem Maße Personen bereit sind, unter dem Druck von Autoritäten gegen ihr Gewissen zu handeln. Nach Feststellung des Gerichts wurden dabei junge Männer mit Metallklammern malträtiert und mit einem Stock und einem Gürtel geschlagen. Die Kirchenleitung sprach von "Grenzüberschreitungen auf körperlicher und psychischer Ebene".

Auf die skandalträchtigen Vorgänge, die zu seinem Rücktritt, seiner Verurteilung und nun letztlich zu seiner Entlassung aus dem kirchlichen Dienst geführt haben, wollte Bierlein nicht weiter eingehen. "Mein Interesse war damals herauszufinden, wie weit die Bereitschaft zur Anpassung geht", sagte er. "Dass dabei Fehler gemacht wurden, und meine Methoden möglicherweise falsch waren habe ich schon im Dezember 2007 eingeräumt".

(Artikel vom 05.11.2009)