"Alles schläft, keiner wacht"
Kritisches Weihnachtslied-Video kommt auf "youtube" gut an
Von Dagmar Königsdorfer
"Stille Nacht, heilige Nacht" - es ist wohl vieler Menschen liebstes Weihnachtslied, das Joseph Mohr und Franz Gruber 1818 miteinander schufen. Lieblich ist es, und für Momente scheint es, als würden auf Erden Harmonie und Frieden herrschen, wenn es in der Weihnachtsnacht gesungen wird. In den Kaufhäusern dudelt die Melodie bereits Wochen vor Heiligabend und soll zum Kauf animieren. Nun ist eine Videoaufnahme des Liedes bei "youtube" zu sehen, in der Version des "Rock-Requiems"-Machers Guntram Pauli. Der Münchner Sänger Michael Gerwien hat die provokante Version "Stille Nacht" aufgenommen und erntet von den Usern begeisterte Kommentare.
Wie sehr die Krippe an Weihnachten zur bloßen Kulisse einer eisigen, gewinnorientierten Welt gemacht wird, das spürte der in Neu-Ulm aufgewachsene Pfarrerssohn Pauli sehr stark im Winter 1992, als er die Nachrichten über den beginnenden Balkankrieg verfolgte, aber auch über Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen weltweit. Guntram Pauli schrieb seine Gedanken nieder auf Franz Grubers vertraute, sanfte "Stille-Nacht"-Melodie.
"Auf die einsamen Rufer gibt niemand mehr acht. Schlaft in himmlischer Ruh, schlaft nur in himmlischer Ruh´", kritisiert sein Text auch die gegenüber Krieg und Gewalt geschlossenen Augen: "Alles schläft, keiner wacht!" Ganz ohne Hoffnung allerdings konnte Pauli in der letzten Strophe nicht enden, die Hoffnung auf ein Leben ohne Tränen und Wut steht am Schluss des Liedes. Trotzdem ein Text, der extrem stark polarisierte. Udo Jürgens, dem der Text angeboten wurde, meldete sich beim Autor Pauli, erzählt dieser, und bedauerte. Man habe ihm dringend davon abgeraten, das Lied aufzunehmen, da es seinem Image schaden würde.
So nahmen sich Guntram Pauli, der heute in der Nähe von Kassel lebt, und sein Bruder Christoph 1995 selbst des Liedes an. Öffentlich wurde es in Thomas Gottschalks "Late night band" - von vielen Zuhörern abgelehnt, von anderen als zutiefst wahr und anrührend empfunden.
Internet: www.rock-requiem.de [1] und www.youtube.com [2]."