Der Papst, der den Fotoapparat besang

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Papst, der den Fotoapparat besang

Leo XIII. gilt vielen als erster moderner Papst - Vor 200 Jahren geboren

Von Christian Feldmann (epd)

Er dichtete eine Hymne auf den eben erfundenen Fotoapparat, begrüßte das 20. Jahrhundert mit einem begeisterten Gedicht und kannte Dantes "Göttliche Komödie" auswendig: Leo XIII., geboren vor 200 Jahren am 2. März 1810, gilt vielen als der erste "moderne" Papst.

Er verehrte den vom päpstlichen Lehramt verurteilten Astronomen Galileo Galilei, gründete die vatikanische Sternwarte, hob eine Hochschule für Literatur und Literaturkritik aus der Taufe und öffnete die Archive des Vatikans für die Forschung. Gern zitierte er Ciceros Forderung: "Erste Norm des Geschichtsschreibers ist es, die Wahrheit zu sagen, sodann nichts Wahres zu verschweigen."

Dabei war der italienische Graf Gioacchino Pecci nach seiner überraschenden Wahl im Jahr 1878 zunächst als "Übergangspapst" abgetan worden. Da war er 68 Jahre alt und galt als kränklich und hinfällig. Die Römer nannten ihn zunächst respektlos "leone senza dente", den "zahnlosen Löwen". Doch Pecci wurde 93 Jahre alt und regierte insgesamt 25 Jahre lang bis zum seinem Tod am 20. Juli 1903.

Nicht immer hatte Pecci, der aus dem Sieneser Kleinadel stammte und Nuntius in Brüssel gewesen war, das Wohlgefallen der römischen Zentrale gehabt. Kardinalstaatssekretär Antonelli setzte den damaligen Bischof von Perugia sogar auf die Liste der Oberhirten, die man ketzerischer Anschauungen verdächtigte. Das lag wohl auch an Peccis Bruder Giuseppe: Dieser, ein Jesuit und Philosophieprofessor, hatte sich mit seinem Orden überworfen und musste ihn verlassen.

Schon in seiner ersten Enzyklika "Inscrutabili Deo consilio" (Über das Übel in der Gesellschaft) bezeichnete der neue Papst die Verständigung von Kirche und moderner Kultur als sein Regierungsprogramm. Nach der Abschottungspolitik seines misstrauischen Vorgängers Pius IX. wählte Leo den Dialog.

Freilich gab es auch unter Papst Leo XIII. Verurteilungen. Sie trafen etwa den Staatsphilosophen und Kirchenreformer Antonio Rosmini - Benedikt XVI. hat den originellen, seine Kirche glühend liebenden Denker kürzlich rehabilitiert und sogar seliggesprochen.

Ein höchst umstrittenes römisches Schreiben rechnete 1890 mit sogenannten "Amerikanisierungstendenzen" in der Kirche ab - das heißt, mit vermeintlichen Versuchen, den Katholizismus allzu stark US-amerikanischen Verhältnissen anzupassen. Doch die US-Bischöfe verwiesen darauf, dass niemand die von Rom verurteilten Thesen jemals geäußert habe.

Die größte Nachwirkung entfaltete Leos Sozialenzyklika "Rerum novarum" vom 15. Mai 1891. Kernthese: Weder christliche Mildtätigkeit noch staatliche Gesetze allein könnten eine ungerechte Situation heilen, in der Produktion und Handel zum "Monopol von wenigen" zu werden drohten und "wenige übermäßig Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch" auferlegten. Die Frucht der Arbeit gebühre vielmehr demjenigen, der die Arbeit geleistet habe, heißt es weiter.

Insgesamt 86 Enzykliken hat Leo XIII. veröffentlicht, die bedeutendsten davon zu ethischen und politischen Fragen. Er schrieb über den Ursprung der bürgerlichen Gewalt, über die menschliche Freiheit und die christliche Demokratie. Damit hat Leo, wie es der französische Politiker Léon Gambetta (1838-1882) ausdrückte, die "Verstandesehe der Kirche mit dem modernen Staat" zustande gebracht.

In seiner praktischen Politik war Leo XIII. nicht immer so erfolgreich. Die französischen Katholiken forderte er in einer eigenen Enzyklika auf, sich mit der republikanischen Staatsform zu versöhnen - und musste doch hinnehmen, dass in Frankreich Ordensniederlassungen aufgehoben und die Schulgesetze nicht kirchenfreundlich gestaltet wurden.

Mehr Glück hatte die vatikanische Politik in Deutschland, wo die Wogen des Kulturkampfes zwischen Preußen und Papst Pius IX. nicht zuletzt aufgrund von Leos kluger Kompromissbereitschaft geglättet werden konnten. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte seit 1871 die strikte Trennung von Kirche und Staat und die Verdrängung der katholischen Kirche aus politischen Entscheidungsprozessen vorangetrieben. Es kam zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan, zahlreiche Gesetze beschnitten die Autonomie der Kirchen.

Nach seinem Amtsantritt 1878 begann Leo XIII. mit der Suche nach einem Ausgleich und beförderte einen innenpolitischen Kurswechsel. "Milderungsgesetze" und "Friedensgesetze" nahmen bald viele der Beschränkungen für die Kirchen zurück - die staatliche Schulaufsicht und die Zivilehe blieben allerdings bestehen. Bismarck machte den Papst zum Schiedsrichter beim Streit mit Spanien über den Besitz der Karolineninseln im Pazifik. Und Kaiser Wilhelm II. schenkte ihm später ein besonderes Exemplar der traditionellen Kopfbedeckung der Bischöfe: eine goldene Mitra.

(Artikel vom 28.02.2010)