Gelungene Schulfamilie

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Gelungene Schulfamilie

Am Gymnasium in Kirchseeon werden behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet - (mit Bild)

Von Christiane Ried (epd)

Die Begeisterung ist groß in der Aula des Gymnasiums von Kirchseeon, einem kleinen Ort östlich von München. Kinder im Alter von 11 bis 14 spielen Fußball oder werfen sich paarweise Luftballons zu. Vor allem Josef ist darin richtig gut. Mit Kopf, Schulter, Knie und Außenrist befördert er den orangefarbenen Ballon immer wieder in die Luft. Zum Schluss seiner kleinen Einlage hält er ihn strahlend hoch wie den WM-Pokal.

Josef ist mit Trisomie 21 zur Welt gekommen. Eigentlich geht er in die Korbinian-Förderschule im benachbarten Steinhöring. Doch an vier Tagen in der Woche wird er in einer Außenklasse mit acht weiteren geistig Behinderten - vorwiegend mit Down-Syndrom - in Kirchseeon unterrichtet und nimmt an Wahlkursen mit Gymnasiasten teil. Ein Novum in der bayerischen Schullandschaft, das seit 2008 praktiziert wird. Denn geistig behinderte Kinder in die Regelschule zu integrieren - solche Projekte gibt es höchstens an Grundschulen. Kirchseeon ist derzeit das einzige bayerische Gymnasium mit einem solchen Modell. Weitere Schulen sollen zwar folgen, heißt es von Seiten des Bayerischen Kultusministeriums. Doch wann genau, sei noch nicht klar. Kirchseeon habe einen "richtungsweisenden Charakter", deshalb sei es wünschenswert, wenn andere Gymnasien nachzögen.

Direktorin Gabriele Söllheim gerät ins Schwärmen, wenn sie von dem "wunderbar gelungenen Pilotprojekt" erzählt. Nach anfänglichen Berührungsängsten sei der Umgang zwischen den Kindern jetzt selbstverständlich, ist Söllheim überzeugt. "Es ist schön, zu beobachten, welche Kompetenzen die Kinder entwickeln." Die einen verließen ihren geschützten Bereich und fänden sich immer besser im Alltag zurecht, die anderen würden Rücksichtnahme, Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft lernen. Soziale Kompetenzen also, die Kindern in allen Schulen vermittelt werden sollten; in Kirchseeon klappt es schlicht durch das Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Schülern.

Wie selbstverständlich das inzwischen ist, wird in den gemeinsamen Wahlfächern "Kreatives Musizieren" und "Gemeinsam Bewegen" deutlich. Paarweise sitzen ein Gymnasiast und ein Förderschüler nebeneinander und spielen Xylophon. Gemeinsam wird dann auch mal nach dem richtigen Ton gesucht; Musiklehrer Rafael Gütter ermuntert seine Schützlinge mit den Worten: "Helft euch, ihr seid ja ein Team!" Im Sportunterricht zeigt sich dasselbe Bild.

Mit dabei sind auch die 13- und 14-jährigen Gymnasiastinnen Katharina und Laura. Seit diesem Schuljahr sind die Achtklässlerinnen Tutorinnen für die Außenklasse und betreuen die Förderschüler auch außerhalb ihrer Unterrichtszeit. Berührungsängste mit den Down-Syndrom-Kindern hatten die Mädchen kaum. Im Gegenteil: "Sie sind überhaupt nicht schüchtern, gehen gleich auf dich zu und umarmen dich", erzählt Katharina. "Manche denken, dass Behinderte nichts können. Das stimmt aber nicht, wir können ganz normal mit ihnen umgehen und haben kein Problem damit, ihnen Sachen mehrmals zu erklären. Irgendwann schaffen sie es dann alleine", fügt Laura an, die Josef zuvor bei seiner Fußballeinlage unterstützt hat.

Das Lernen mit den Förderschülern war auch für die Lehrer eine neue Erfahrung. Die Lernfortschritte seien in intellektueller Hinsicht verständlicherweise begrenzt, erklärt Gütter. Die Förderschüler kämen jedoch mit einer großen Freude in den Unterricht und brächten mehr Leben in die Stunde, erzählt der Musiklehrer. "Das ist erfrischend und hat etwas Ansteckendes." Es ginge auch nicht darum, am Ende der Stunde sichtbare Leistungen zu haben, fügt die Sportlehrerin Margarete Barthelmes, selbst Mutter einer geistig behinderten Tochter, an. "Wichtig ist, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen etwas unternehmen. Und wir Lehrer sehen, dass wir den Kindern etwas abverlangen können." Manche schwömmen wie ein Fisch, einige könnten Rhönrad- und Einradfahren und hätten eine "unglaubliche Motorik", ergänzt Söllheim und deutet auf den Fußball spielenden Josef.

Normale Menschen, die man normal anpacken könne: Das nehmen beide Seiten aus dem Pilotprojekt mit, ist die Direktorin überzeugt. Ihre Bilanz nach zwei Jahren fällt eindeutig aus: "Eine gelungene Integration, die inzwischen zur Normalität geworden ist und das Schulleben bereichert." (0356/b100150)

(Artikel vom 09.03.2010)