"Gerechte Gesundheitsversorgung ist Säule der Demokratie"
Medizinethiker Nagel zu Moral und Ökonomie in der Medizin
Der Medizinethiker Professor Eckhard Nagel hat ein gerechtes Gesundheitssystem als "wesentliche Säule der Demokratie" bezeichnet. Ökonomisches Handeln sei im Gesundheitswesen unerlässlich. Der Patient dürfe dabei aber nie zum "Humankapital" oder zur "Kalkulationsmasse" degradiert werden, sagte er am Mittwochabend in München. Nagel, der dem Deutschen Ethikrat angehört, sprach beim Jahresempfang des evangelisch-lutherischen Dekanats München zum Thema "Medizin zwischen Moral und Ökonomie".
Gleiche Behandlung aller Patienten bedeute jedoch nicht, "dass jeder das Gleiche bekommt, sondern dass jeder das bekommt, was er braucht", sagte der Transplantationsmediziner. Nagel, der auch evangelischer Präsident des 2. Ökumenischen Kirchentages (ÖKT) ist, plädierte dafür, die Lebenssituationen der Menschen wieder stärker zu berücksichtigen. Nähe und menschliche Zuwendung seien im Gesundheitswesen wichtiger, als professionelle Distanz, so der Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Nagel ist zudem Chefarzt am Chirurgischen Zentrum sowie Leiter des Transplantationszentrums am Klinikum Augsburg.
Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) erwartet mit Spannung den angekündigten "Dialog der Wissenschaften" beim 2. Ökumenischen Kirchentag, zu dem vom 12. bis 16. Mai mehr als 100.000 Dauerteilnehmer in der bayerischen Landeshauptstadt erwartet werden. "Dieser Dialog findet bislang fast nirgendwo statt", so Ude in seinem Grußwort. Der ÖKT könne Fortschritte erzielen, wenn er "die Kontrahenten der Debatte zusammenbringt - auch die, die sich von kirchlichen Positionen nur belästigt fühlen."
Stadtdekanin Barbara Kittelberger sagte, dass es bei der Pflege kranker Menschen um deren Bedürfnisse und nicht um Kosten und Gewinn gehen müsse. Ökonomische Argumente dürften nicht den Ausgang der Gesundheitsdebatte bestimmen. Kittelberger vertritt als Stadtdekanin das evangelische Dekanat München, zu dem 68 Kirchengemeinden und rund 270.000 Protestanten gehören. (0420)