"Erleichterung, dass dieses Kapitel zu Ende ist"
"Erleichterung, dass dieses Kapitel zu Ende ist"
In Augsburg herrscht nirgends Trauer über Bischof Mixas Rücktritt
In einem Restaurant in der Augsburger Innenstadt am Mittwochabend um 23 Uhr: Spontaner Beifall brandet auf, als einer die Nachricht von Bischof Mixas Rücktritt aufs Handy bekommen hat, die Gruppe feiert, viele von ihnen sind bei der katholischen Kirche im Bistum beschäftigt. Eine Nacht und einen halben Tag später ist die Nachricht von Mixas Rückzug bei allen Augsburgern angekommen.
An jeder Bushaltestelle, in der Trambahn oder auf dem Rathausplatz wird über nichts anderes gesprochen. "Das ist Tagesgespräch, nicht nur bei den Gläubigen" sagt ein Rentner, der in der Kolping-Gaststätte einen Steinwurf vom Dom auf sein Tagesgericht "Schlemmerspieß" wartet. "Der hatte doch keine andere Wahl", sagt sein Tischnachbar zum Rücktritt des umstrittenen Bischofs, "mich hat besonders gestört, dass er die Unwahrheit gesagt hat".
Dass der Augsburger Bischof "scheibchenweise die Wahrheit rausgelassen hat", kritisiert ein Mitarbeiter des Bistums. "Ein solcher Stil geht heute nicht mehr gut, das hätte man wissen müssen," sagte er dem epd. "Es war dumm, dass er es nicht gleich zugegeben hat, dass ihm auch mal die Hand ausgerutscht ist", sagte zum Beispiel Lisa Schaber, eine katholische Mutter. "Menschlich tut es mir leid, weil Bischof Mixa mir recht sympathisch rübergekommen ist, aber er ist letztlich selber schuld daran, dass es so gekommen ist." Diese Sympathie fand der Oberhirte zuletzt nur noch selten. Dass Eltern ihre Kinder nicht firmen lassen wollten, weil der Bischof die Firmung halten sollte, hat einen Pfarrgemeinderat aus dem Landkreis Dillingen völlig entsetzt. "Wie extrem die Stimmung war, das konnte er nicht einschätzen", wirft er dem Bischof vor.
Sie fühlten "Erleichterung" dass dieses Kapitel zu Ende ist", sagen viele, die katholisch sind oder bei der Kirche arbeiten. Nirgends Trauer über seinen Abgang, wenig Mitleid, ein paar sprechen von einer "menschlichen Tragödie". Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtungen, und davon gibt es in einer Bischofsstadt einige, wurden in den vergangenen Wochen permanent auf ihren "Chef" angesprochen. "Ich bin glücklich", sagt die Mitarbeiterin der Cityseelsorge "Moritzpunkt", dass Mixa zum Schluss doch noch gute Berater gehabt habe. Das Trauerspiel hätte ja noch länger dauern können. Wie viele andere Kircheninsider ist sie überzeugt, dass Walter Mixa zuletzt beeinflusst wurde, manche sagen sogar manipuliert.
In heftiger Kritik steht sein Pressesprecher und Direktor des Ulrichsverlags Dirk Hermann Voß. "Mein Herz ist rein", diesen Satz des Bischofs auf die Prügelvorwürfe gegen ihn, den hätte der Bischof sonst so nicht gesagt, ist ein langjähriger Wegbegleiter Mixas überzeugt. Diesen Satz habe man ihm in den Mund gelegt. "Ich finde, dass die Sonne heute besonders schön scheint", meint sarkastisch am Rücktrittstag Mixas eine dieser Personen, die ein Opfer der Voß'schen Medienpolitik ist. Es ist wirklich herrliches Wetter in Augsburg.
"Bischof Mixa hat sich immer weit aus dem Fenster gelehnt", sagt auf der Straße Martin Sauter, der aus der Zeitung vom Rücktritt seines Bischofs erfahren hat. Wer so viel Ungereimtheiten und falsche Aussagen von sich gebe, könne sich nicht als Oberhirte titulieren lassen. Der Glaubwürdigkeit der Kirche habe das Verhalten des Bischofs sicher geschadet. "Ich hätte es mir 14 Tage früher gewünscht", sagt Johann Biberacher, Mitglied im Diözesanrat des Bistums. Von einem Boykott 40-Jahr-Feier des Diözesanrates am Wochenende hält Biberacher nichts. Das Bistum bestehe schließlich weiter und hänge nicht vom einzelnen Bischof ab.
"Ich fände es gut, wenn bei unserer katholischen Schwesterkirche jetzt Ruhe einkehrt", erklärt der Rektor der evangelischen Diakonissenanstalt in Augsburg, Pfarrer Heiner Götz. Die Menschen brauchten diakonische und seelsorgerliche Zuwendung der Kirchen, "und die muss glaubwürdig sein." Die evangelischen Christen könnten aus den Vorgängen um Bischof Mixa lernen, "dass wir weiterhin mit großer Transparenz und Offenheit agieren müssen". "Menschen können Fehler machen", aber durch ein solches Versagen darf nicht die christliche Botschaft infrage gestellt werden, fügt Götz an.
Die Fernsehteams, die sich seit einigen Stunden auf dem Domvorplatz eingerichtet haben, um den zurückgetretenen Bischof einzufangen, haben Mittags einen kleinen Erfolg. Generalvikar Karlheinz Knebel und der Weihbischof Anton Losinger bitten spontan zu einer kurzen Pressekonferenz. Dort ist auch Dirk Hermann Voß zugegen, der sich aber im Hintergrund hält. Der Generalvikar bestätigt den Rücktritt Mixas. Er wird die Amtsgeschäfte im Bistum Augsburg leiten bis das Domkapitel einen Administrator aus ihren Reihen ernannt hat, teilt Pressesprecherin Kathie Marie Ulrich mit, die nach vielen Stunden Presseanfragen aus ganz Deutschland erstaunlich frisch wirkt an diesem Nachmittag. Der noch amtierende Bischof, so sagt sie dem epd, werde sich eine "Erholungszeit nehmen und sich zurückziehen". Ob er dazu eine Reise mache oder in ein Kloster gehe, darüber sei noch nichts entschieden. (0747/22.04.10)
epd lbm ol as


