Der Weg ins Land der Freiheit

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Der Weg ins Land der Freiheit

Die Mystikerin Marguerite Porete wollte Gott ohne Vermittler finden - Vor 700 Jahren verbrannt - (Termin: 1. Juni) - Von Christian Feldmann (epd)

So frei ist im 13. Jahrhundert sonst keine gewesen. So rückhaltlos vertraute sie ihrer inneren Stimme, dass sie sich auch durch bischöfliche Verbote und eine dramatische Bücherverbrennung nicht abhalten ließ, ihre Ideen weiterzuverbreiten- bis sie vor 700 Jahren, am 1. Juni 1310, als rückfällige Ketzerin auf dem Scheiterhaufen landete: die französische Mystikerin Marguerite Porete.

Porete, die keinem Orden angehörte, schrieb über den Aufstieg der Menschenseele zu Gott - was nicht neu war. Doch auf dem Weg zur unendlichen Liebe befreit sich bei Porete diese Seele Stück für Stück von menschlichen Abhängigkeiten, Tugendleistungen, Normen und frommen Praktiken, bis sie am Ende keine irdischen Heilsvermittler mehr braucht: keine Sakramente, keine Priester, sogar keine Bibel mehr. Und das roch nach Ketzerei.

Marguerite Porete stammte aus dem nordfranzösischen Hennegau bei Valenciennes. Sie schloss sich den Beginen an, einer damals in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland weit verbreiteten Bewegung frommer Frauen, die in Wohngemeinschaften zusammenlebten. Als frühe Sozialarbeiterinnen nahmen sie sich der Elenden und Kranken an. Weil sie aber keine bindenden Gelübde ablegten und sich keiner männlichen Kontrolle unterstellten, wurden sie von der Kirchenführung bald als gefährliche Sekte bekämpft.

Ihre Gedanken fasste Marguerite Porete um 1300 in einem "Dialog" zusammen, den sie bescheiden "Spiegel der einfältigen Seelen" nannte. Der Text war durchsetzt mit lyrischen Gebeten und wissenschaftlichen Essays und hatte es in sich. Âme, die Seele, Raison, die Kraft des Geistes und der Vernunft, und alle die anderen menschlichen Energien und Tugenden führen eine spannende Debatte mit Gott. Und Gott tritt hier als "Dame Gottesliebe" auf -das war in der Theologie ohne Beispiel und fand nur im Sprachgebrauch der galanten Troubadours eine Parallele: Gott spricht als Frau mit den Menschen, wendet sich ihnen in weiblicher Gestalt zu.

Die Seele soll sich nicht nur von sündhaften Neigungen, sondern vom zwanghaften Streben nach Tugendleistungen frei machen, schreibt Porete. Sie muss nichts mehr für Gott tun, sie will nicht mehr über ihn sprechen, sie lässt einfach Gottes Liebe in sich wohnen- und ist glücklich: "Diese Seele achtet nicht auf Schmach und nicht auf Ehre, (...) nicht auf Liebe noch Hass, nicht auf Hölle noch Paradies (...). Und eine solche Seele, die zu Nichts geworden ist, hat dann alles."

Das bedeutet: keine Leistungsfrömmigkeit mehr, kein fremdbestimmter, normierter Glaube, sondern Vertrauen auf die eigene spirituelle Erfahrung. Marguerite Porete spottete über die "Esel", die Gott durch Gebete in den Kirchen, in Menschenworten und in Schriften suchten. Dahinter stehe die Annahme, Gott sei "seinen Sakramenten und seinen Werken unterworfen". Solchem Denken tritt Marguerite Porete entgegen: "Ach weh! (?) Ich finde ihn allüberall, und eben da ist er auch."

Das brachte ihr den Vorwurf der Ketzerei ein- womit man der Mystikerin bitter unrecht tat. Denn natürlich bedeutete ihr Freiheitsvokabular nicht einfach das Ende von Moral und Bindung. Die befreite Seele trägt vielmehr die Lehrmeisterin und Kraftquelle aller Tugenden in sich, die göttliche Liebe. Sie folgt den Geboten nicht mehr aus Angst oder blindem Gehorsam, sondern aus Liebe.

Im Gegensatz zu anderen Mystikerinnen verpackte Marguerite Porete ihre Ideenwelt keineswegs in die Gestalt von Visionen, im entrückten Zustand aus dem Himmel empfangen und demütig aufgezeichnet. Sie informierte vielmehr freimütig darüber, dass es ihre Ideen waren. Sogar die bekannte Hildegard von Bingen hatte sich auf einen unmittelbar von Gott erhaltenen Auftrag berufen, um das Lehrverbot für Frauen zu umgehen und doch noch in die theologische Diskussion eingreifen zu können.

1306 verurteilte der Bischof von Cambrai die Schrift Poretes als häretisch und ließ sie öffentlich verbrennen. Schließlich lud man die Autorin 1308 zu einem Inquisitionsprozess nach Paris. Doch Marguerite Porete bekannte, sie wolle sich nur vor Gott für ihr Denken und Schreiben verantworten, nicht vor irdischen Autoritäten- im damaligen gesellschaftlichen Gefüge war das Rebellion.

21 Theologen der Pariser Universität erhielten aus dem Zusammenhang gerissene Sätze ihres Werkes, die zu einer Verurteilung reichten. Marguerite Porete wurde am 1. Juni 1310 auf der Place de Grève in Paris verbrannt.

Ihr Buch überlebte. Obwohl der Inquisitor bei Strafe der Exkommunikation befohlen hatte, sämtliche Exemplare abzuliefern, kursierten Jahrhunderte lang Abschriften - anonym oder unter Männernamen. 1946 wurden sie endlich wieder als Marguerite Poretes Werk identifiziert. (1008)

(Artikel vom 31.05.2010)