Das zweite Leben des Doktor Klopfer

Korrespondentenbericht | epd - Landesdienst Bayern

Das zweite Leben des Doktor Klopfer

Buch über einen "Wannsee-Konferenz"-Teilnehmer zeigt Mängel der Entnazifizierung - (mit Bild)

Von Dagmar Hub (epd)

Er lebte zwei Leben: Im ersten Leben bis 1945 gehörte Gerhard Klopfer (1905-1987) dem Führungszirkel der NS-Diktatur an. Er war als Staatssekretär in der Münchner Parteikanzlei engster Mitarbeiter von Martin Bormann. Als Jurist arbeitete er Führererlasse aus, er folgte Reinhard Heydrichs Einladung zur Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, bei der es um die "Endlösung der Judenfrage", um die Ermordung von Millionen europäischer Juden ging. Sein zweites Leben verbrachte Gerhard Klopfer unbehelligt und gesellschaftlich zurückgezogen als Rechtsanwalt in Ulm; in seiner Freizeit baute er Dinkel an. Dr. Gerhard Klopfer starb am 29. Januar 1987 als letzter der Wannseekonferenz-Teilnehmer. Vor einem deutschen Gericht musste er sich nie verantworten.

Der Weg vom hohen NS-Funktionär zum offenbar unbescholtenen Bürger der Bundesrepublik - "kein Einzelfall", stellt der in Ulm aufgewachsene und in Berlin lebende Historiker Markus Heckmann fest. Am 25. Juni erscheint sein Buch "NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik. Das Beispiel des Dr. Gerhard Klopfer". Der 31-Jährige zeigt exemplarisch die Ursachen auf, die es Klopfer und anderen NS-Funktionären ermöglichten, politische Säuberungsversuche zu überstehen und sich in die Bundesrepublik zu integrieren: mit Geschick und der Bereitschaft der Gesellschaft des neuen Systems, den Täter einzugliedern. Heckmann zeichnet zudem eine Analyse der besonderen Verhältnisse der Stadt Ulm, in der Klopfer sein Rückzug ins Private und die Integration in die Nachkriegsgesellschaft gelang.

Der Historiker charakterisiert Gerhard Klopfer als intelligent, skrupellos und von besten Umgangsformen. Er war gerade 28 Jahre alt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und er als promovierter Jurist in ihren Dienst trat. Heckmann beschreibt Klopfers steile Karriere als Beamter im NS-System und innerhalb der SS. Obwohl er durch seine Position zu den bestinformierten Entscheidungsträgern des Regimes gehörte, blieb Klopfer bis an sein Lebensende der Behauptung treu, nicht gewusst zu haben, was die Wannsee-Konferenz für Millionen Juden bedeutete.

In der Entnazifizierung Klopfers schildert Heckmann das Dilemma des politischen Säuberungsprozesses im Nachkriegsdeutschland. "Eine umfassende politische Säuberung, wie sie die westlichen Alliierten ursprünglich geplant hatten, war nicht möglich. Gerade weil der Nationalsozialismus eine breite Unterstützung in der Bevölkerung gehabt und ein Millionenheer von ehemaligen Parteimitgliedern und kleineren und größeren Funktionären hinterlassen hatte", stellt Heckmann fest. Eine "Mitläufer-Fabrik" entstand, von der der am 1. März 1946 dem amerikanischen Counter Intelligence Corps ins Netz gegangene Klopfer profitierte.

Klopfer hatte bis zum 30. April 1945 in Pullach bei München gelebt und war dann mit falschen Papieren als Otto Kunz im österreichischen Zell am See untergetaucht. Bei den Verhören im Rahmen der Nürnberger Prozesse schob der als "Hauptschuldige" eingestufte Klopfer Verantwortung auf den zu diesem Zeitpunkt noch vermissten Bormann. Außerdem betonte er seine beratende Rolle bei Rüstungsminister Albert Speer, als dieser den Führerbefehl der "verbrannten Erde" sabotierte. Im Spruchkammer-Verfahren, wo 79 Prozent der als "Hauptschuldige" Angeklagten herabgestuft wurden, wurde Klopfer 1949 als "minderbelastet" eingeordnet. Die "Straffreiheitsgesetze", die der Bundestag unmittelbar nach seiner Gründung 1949 verabschiedete, taten ein Übriges.

Markus Heckmann beklagt den mangelnden politischen Willen der jungen Bundesrepublik, NS-Straftaten konsequent zu verfolgen. Ein Grund dafür sei auch die Widerstandsstimmung in der Bevölkerung gewesen, die die Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten als ungerecht empfand. Heckmanns detaillierte Recherche beschreibt die Kette der ambitionierten und sich selbst überfordernden Ziele dieser Entnazifizierungsversuche. Das daraus entstehende politische Klima im Land und die juristischen Versäumnisse führten seiner Ansicht nach zur verbreiteten Überzeugung, "dass für die nationalsozialistischen Verbrechen nur eine Handvoll jetzt toter ?Groß-Verbrecher? verantwortlich sei und alle anderen nur deren Gehilfen gewesen seien".

Buchhinweis: Markus Heckmann: "NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik. Das Beispiel des Dr. Gerhard Klopfer", Verlag Klemm & Oelschläger Ulm, 120 Seiten, 19,80 Euro. (1140/b100670)

(Artikel vom 21.06.2010)